Continental setzt auf russischen Löwenzahn

Warum der deutsche Autozulieferer Continental in Russland und weltweit immer stärker auf Nachhaltigkeit setzt und was eine russische Löwenzahnart damit zu tun hat, erfahren Sie in unserer Reportage.

Continental setzt auf russischen Löwenzahn

„Wenn Sie sich dieses Labor anschauen, dann verstehen Sie, wieso es sich lohnt, als Schüler im Chemieunterricht aufzupassen“, scherzt Anatolij Antipow mit einem charismatischen Lächeln. In seinen Händen hält der Topmanager zwei gummiartige Substanzen, eine pechschwarz und die andere weißlich-transparent. „Da, fühlen Sie mal. Das Schwarze ist Naturkautschuk, den wir auf Plantagen in tropischen Ländern wie Malaysia oder Indonesien gewinnen, das andere synthetischer Kautschuk.“

Beide Substanzen fühlen sich klebrig an und riechen nach Reifen. Kein Wunder: Sie sind der Rohstoff, den der weltweit zweitgrößte Autozulieferer Continental zur Herstellung von Automobilreifen verwendet. Hier im drei Fahrstunden südwestlich von Moskau gelegenen Kaluga betreibt der deutsche Börsenkonzern eine seiner modernsten Reifenfabriken. Drei Millionen Sommer- und Winterreifen für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge laufen in Kaluga jährlich vom Band. Der 41-jährige Antipow arbeitete hier acht Jahre, bevor er im Sommer 2020 zum CEO des AHK-Mitgliedsunternehmens Continental Kaluga ernannt wurde.

Rückenwind von Merkel und Medwedew

Das Conti-Werk in Kaluga startete seine Serienproduktion im Herbst 2013, ein Jahr vor der Ukrainekrise. Bis zur Eröffnung investierte der Konzern 240 Millionen Euro in das Leuchtturmprojekt.

Schon vor Inbetriebnahme genoss das Werk politischen Rückenwind auf höchster Ebene: Vor zehn Jahren kam der damalige Präsident Dmitrij Medwedew zu deutsch-russischen Regierungsgesprächen nach Hannover, die Heimstätte von Continental. Im Beisein von Medwedew und Bundeskanzlerin Angela Merkel unterzeichnete das Unternehmen gemeinsam mit der Region Kaluga eine Absichtserklärung zum Bau der Fabrik.

Kaluga bietet für eine Reifenfabrik die besten Voraussetzungen. Die Region gilt als Automobilmetropole, häufig wird sie als russisches Detroit bezeichnet. Weltmarken wie Volkswagen, Peugeot, Citroën, Volvo und Mitsubishi produzieren hier jährlich Hunderttausende Fahrzeuge. Theoretisch könnte Continental seine Produktionskapazität in Kaluga auf bis zu 16 Millionen Reifen pro Jahr erweitern. Doch von dieser Nachfrage ist der heimische Markt derzeit weit entfernt. Sanktionen, Ölpreisverfall und Rubelschwäche schickten Russlands Automarkt auf eine Talfahrt, von der er sich bis heute nicht erholt hat. „Deshalb setzen wir immer stärker auf Export“, erklärt Antipow.

Exportschlager für die ganze Welt

Der schwache Rubel verbilligt die Produktionskosten und sorgt für einen Wettbewerbsvorteil auf dem Weltmarkt. Ein weiterer Grund für den starken Fokus auf Export ist sicher auch, dass der Standort Kaluga unter den weltweit 23 Conti-Reifenfabriken in 18 Ländern als state of the art gilt. „Wir sind eines der besten Werke, weil wir eine sehr niedrige Fehlerquote haben.“ Aus Kaluga beliefert Conti nicht nur Russland und seine Nachbarn, sondern insgesamt 24 Länder in Europa, Nordamerika und Asien – darunter Deutschland, die USA, Kanada und Japan. Deutsche Qualitätsware „Made in Russia“, ein Exportschlager für die ganze Welt. Vor Ort stellt Conti sieben Reifenmodelle her. Bis zum vergangenen Jahr lag der Fokus auf den Kernmarken Continental, Matador und Gislaved, in der Corona-Pandemie wurde das Portfolio um vier exportorientierte Modelle erweitert.

Mehr als 1000 Mitarbeiter sind in der Fabrik tätig, die insgesamt 110.000 Quadratmeter umfasst und somit doppelt so groß wie das Pariser Louvre ist.

Ernsthaft und gewissenhaft, aber mit freundlicher Stimme ermahnt Antipow einen der Mitarbeiter, beim Gehen nicht auf das Telefon zu blicken, um Unfälle zu vermeiden. „Qualität und Sicherheit stehen für uns an erster Stelle“, erklärt er. „Und natürlich Innovationen. Hier in Kaluga haben wir eine eigene Abteilung für Forschung und Entwicklung, wo an neuen Erfindungen getüftelt wird.“ Einerseits wird dort versucht, die Zusammenstellung der Reifen zu optimieren. Andererseits wird an Innovationen in einem Zukunftsbereich gearbeitet, der seit einigen Jahren immer stärker die Unternehmensphilosophie prägt: Nachhaltigkeit.

100 Prozent klimaneutral bis 2050

Global verfolgt Conti ehrgeizige Pläne. Bis 2050 strebt das Unternehmen, das im Jahr 1879 im Deutschen Kaiserreich gegründet wurde und heute jährlich knapp 40 Milliarden Euro umsetzt, hundertprozentige Klimaneutralität entlang der gesamten Wertschöpfungskette an. Bis dahin will Conti auch seine Industrieemissionen auf null reduzieren, geschlossene Ressourcen- und Produktkreisläufe etablieren und Abfall am Ende der Produktlebensdauer vollständig vermeiden. Schwierigkeiten beim Erreichen der Nachhaltigkeitspläne bereitet bisher ausgerechnet der Rohstoff, der die wichtigste Grundlage zur Reifenherstellung ist – und zwar Naturkautschuk.

Kautschuk wird aus dem Kautschukbaum gewonnen, der größtenteils in Südostasien gedeiht. Die Herstellung ist wenig nachhaltig. Oft werden Regenwälder gerodet, was hohe Mengen von Treibhausgasen freisetzt. Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten gehen verloren. Kautschuk wird überwiegend in Monokulturen angebaut, die einen hohen Pestizideinsatz erfordern. Das wiederum wirkt sich negativ auf Böden und Gewässer aus. Der Kautschukanbau führt auch zu sozialen Problemen. Die Preise schwanken sehr stark. Wenn sie auf niedrigem Niveau sind, sichern sie Kleinbauern kein existenzsicherndes Einkommen.

Hoffnungsträger Löwenzahn

„Wir setzen uns bereits seit vielen Jahren für mehr Transparenz, bessere Arbeitsbedingungen und nachhaltigeren Anbau ein“, erklärt Antipow. „Gleichzeitig suchen wir nach Alternativen zum südostasiatischen Kautschukbaum.“

Hoffnungsträger ist der sogenannte russische Löwenzahn, der ursprünglich in Kasachstan und in Westchina beheimatet ist. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg wurde er als potenzielle Rohstoffpflanze für Kautschuk betrachtet, doch erst in den vergangenen Jahren gelang Continental der große Durchbruch.

Der Fahrradreifen Urban Taraxagum von Continental hat den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2021 in der Kategorie „Verantwortungsvolles Design“ gewonnen. Es ist der weltweit erste seriengefertigte Fahrradreifen aus Löwenzahn-Kautschuk. Der Reifen sei ein „einzigartiges Produkt“, das zur „Entwicklung einer neuen, alternativen sowie nachhaltigen Rohstoffversorgung beiträgt“, heißt es in einer Pressemitteilung. Zu den Vorteilen gehöre die lokale Rohstoffgewinnung in Deutschland. „Das vermeidet lange Transportwege, reduziert den CO2-Ausstoß und schont wertvolle Ressourcen“, sagt Fabrikchef Antipow. „Wenn sich der Löwenzahn-Kautschuk etabliert, ist das eine echte Revolution.“

Reifen-Recycling und sparsamer Wasserverbrauch

Doch nicht nur auf globaler Ebene, auch lokal in Kaluga treibt Conti nachhaltige Innovationen voran. „Wir haben moderne Aufbereitungsanlagen installiert, um den Industriewasserverbrauch zu senken und Abwässer wiederzuverwerten“, erklärt Antipow. Auch Recycling spiele eine große Rolle.

Anatolij Antipow, CEO von Continental Kaluga

90 Prozent aller festen Abfälle wie Papier, Kunststoff und Holzpaletten, die in der Fabrik anfallen, werden gesammelt und zur Weiterverwertung geschickt.

Anatolij Antipow, CEO von Continental Kaluga

Zudem habe Continental in Zusammenarbeit mit dem russischen Umweltverband EkoSchinSojus (EcoTyresUnion) innerhalb der vergangenen drei Jahre 170.000 Tonnen Altreifen von Mülldeponien geholt und dem Recycling zugeführt.

Das Thema Nachhaltigkeit stehe auch bei den Mitarbeitern hoch im Kurs, so Antipow. Die jüngste Ausgabe der Mitarbeiterzeitung, die überall im Werk ausliegt, widmet sich einer Auszeichnung für nachhaltiges Wirtschaften, die vom Mutterhaus in Hannover an das Werk in Kaluga verliehen wurde. Und auch privat seien die Mitarbeiter am Thema Green Office interessiert. „In Russland ist es unüblich, den Hausmüll zu trennen. Hier in der Fabrik machen es inzwischen aber alle.“ Vor der Kantine steht ein großer Behälter für leere Batterien. Auch alte Autoreifen können abgegeben werden. „Wir zeichnen uns durch einen sorgsamen Umgang mit Energieressourcen sowie einen effizienten Einsatz von Rohstoffen und Materialien aus und arbeiten ständig an der Verbesserung und Automatisierung von Prozessen, um unseren Kunden das beste Produkt anbieten zu können.“

Inspiration Raumfahrt

Inspiration findet Antipow bei einem Erfinder, der die gesamte Region wie niemand anders geprägt hat: Konstantin Ziolkowski, Wegbereiter der Raumfahrt und Begründer der modernen Kosmonautik. Er verstarb 1935 in Kaluga, sein damaliges Wohnhaus dient heute als Museum. Mit seinen visionären Ideen war Ziolkowski seiner Zeit im zaristischen Russland weit voraus.

Anatolij Antipow, CEO von Continental Kaluga

Kaum etwas steht so sehr für nachhaltiges Wirtschaften wie ein Raumschiff. Bei einer Reise durch den Weltraum müssen alle Ressourcen maximal effizient genutzt werden – egal ob Kraftstoff, Nahrungsmittel oder Wasser. Dieser Gedanke spornt mich jeden Tag aufs Neue an.

Anatolij Antipow, CEO von Continental Kaluga

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