AHK packt Lokalisierung von Gussproduktion in Russland an

Viele ausländische Maschinenbauer sind an einer Lokalisierung der Gussproduktion in Russland interessiert, um ans Herkunftssiegel „Made in Russia“ zu gelangen und so mit den heimischen Wettbewerbern konkurrieren zu können. Doch die üblichen Vorgehensweisen aus Europa und Asien funktionieren hierzulande nicht. Welche Risiken auf diesem Weg lauern und welche Chancen sich bieten, wurde in der ersten Sitzung der AHK-Arbeitsgruppe Gussindustrie im Rahmen des Komitees für Lokalisierung und Industrieproduktion diskutiert.

AHK packt Lokalisierung von Gussproduktion in Russland an

Komitee-Vorsitzender Falk Tischendorf sagte, die Arbeitsgruppe Gussindustrie sei gegründet worden, weil zahlreiche Anfragen eingegangen seien. 

„Obwohl das Interesse groß war, gab es keine Fortschritte“.

In der Gussindustrie hinke Russland hinter Ländern wie Deutschland stark hinterher, sagte Pavel Filippenkov, Vorsitzender der Arbeitsgruppe und Technischer Direktor des Pumpenherstellers Wilo in Russland. Die Anlagen seien zu 70 Prozent verschlissen, pro Tonne Guss werde 23 Prozent mehr Metall verbraucht als in der EU. Dass die russischen Gießereien nur zu 32 Prozent ausgelastet sind, ist laut Filippenkov eine „Katastrophe“. In Deutschland etwa liege der Anteil bei 77 Prozent.

Hohe Produktionskosten sind die Folge: Importierte Gussteile sind oft günstiger und dabei hochwertiger. Um gegen diese Probleme anzukämpfen, schlug die Arbeitsgruppe vor, die Anstrengungen ausländischer Unternehmen zu bündeln, um russische Lieferanten in einem gemeinsamen Kraftakt auf das notwendige technologische Niveau zu bringen. Als Plattform hierfür könnte die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer dienen. Die AHK könnte zudem ihren Einfluss geltend machen, um Lieferanten zu helfen an staatliche Finanzierungen zu kommen.

Ziel: wettbewerbsfähige Lieferkette

Ein Hauptanliegen der AG Gussindustrie ist es, eine wettbewerbsfähige Lieferkette von Komponenten in Russland zu schaffen, die es künftig ermöglicht, den Lokalisierungsgrad zu erhöhen und mit Exporten zu beginnen. Dazu will die Arbeitsgruppe als Wegweiser für deutsche Unternehmen, die Gussteile in Russland kaufen, dienen. Dies soll auch russischen Gießereibetrieben bei ihrer Entwicklung helfen. Außerdem ist die Arbeitsgruppe bereit, russische Lieferanten technologisch zu unterstützen, um die Qualität ihrer Produkte zu verbessern.

Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe beauftragte deshalb auf Beratung spezialisierte AHK-Mitgliedsunternehmen, deutsche Gießereien und Anlagenlieferanten verstärkt auf Russland aufmerksam zu machen.

Es sei wichtig, der deutschen Wirtschaft zu zeigen, dass sich die russische Gießerei-Industrie entwickle und zunehmend attraktiv werde

Pavel Filippenkov, Vorsitzender der Arbeitsgruppe und Technischer Direktor des Pumpenherstellers Wilo in Russland

Wilo Rus im Auf und Ab

Wilo Rus habe am eigenen Beispiel gezeigt, wie eine Gussproduktion in Russland lokalisiert werden kann, betonte Filippenkov. Die russische Tochter des international tätigen Pumpenanbieters Wilo SE hatte 2016 ein Werk in Noginsk (50 Kilometer östlich von Moskau) eröffnet. Schon ein Jahr später schloss das Unternehmen mit der russischen Regierung einen Sonderinvestitionsvertrag (SPIK). Am SPIK-Programm beteiligte Investoren können von staatlichen Vergünstigungen profitieren, die sonst nur heimischen Unternehmen vorbehalten sind. Im Gegenzug verpflichten sie sich, einen hohen Lokalisierungsgrad in Russland zu erreichen. Inzwischen fertigt Wilo Rus 250 Pumpenteile vor Ort. Aus Deutschland werden nur noch 15 bis 20 Prozent der Gussteile bezogen. Diese Quote konnte nach fünf Jahren harter Arbeit erreicht werden.

Beim ersten Lokalisierungsversuch war Wilo Rus übrigens gescheitert. Das Unternehmen hatte zuerst auf gut ausgerüstete russische Großproduzenten gesetzt - nach dem Beispiel von Wilo-Lieferanten in Europa und Asien. Selbst direkte Konkurrenten auf dem Pumpenmarkt kamen damals in Betracht. Das Ergebnis waren minderwertige und manchmal sogar defekte Zulieferteile. Deshalb musste Wilo Rus das Konzept komplett umstellen und suchte kleinere Gießereien mit einem Mindestmaß an Ausrüstung und Kompetenz. Ein wichtiges Kriterium dabei war, dass der Lieferant sich weiterentwickeln wollte und bereit war, den Verbesserungsvorschlägen zu folgen. Im Gegenzug halfen Wilo-Ingenieure bei der Verbesserung der Betriebsprozesse. Die Kooperation trug sehr schnell Früchte: Schon sechs Monate später gingen erste Zulieferteile in die Serienproduktion.

Ein großes Hindernis für die Lokalisierung in Russland ist Filippenkov zufolge das geringe Auftragsvolumen, das zu höheren Produktionskosten führt. Wilo Rus habe zwar europäische Preise erreichen können, doch Zulieferteile aus China oder Indien sind weiter deutlich günstiger. „Nicht russische Unternehmen, sondern unsere eigenen Werke in Indien und China sind unsere Konkurrenten.“

Was tun?

Kein Unternehmen könne mit diesen Problemen im Alleingang fertig werden und seine Produktionskosten senken, ergänzte der Vorsitzende der Arbeitsgruppe. Aufgabe Nummer eins sei es deshalb, die Aufträge mehrerer Unternehmen zu bündeln. Aber zuerst müsse man sich eine klare Vorstellung davon machen, wer an hochwertigen Gussteilen aus Russland und an der Entwicklung der heimischen Lieferanten interessiert ist.

Dabei müsse man als Kunde die Schwachstellen seines Lieferanten erkennen und bei ihrer Beseitigung helfen können. „Entweder bringen wir den Lieferanten auf das notwendige technische Niveau oder es klappt nicht“, betonte Filippenkov. Sobald die Schwachstellen bekannt seien, müssten Lösungen ausgearbeitet werden. Wenn deren Umsetzung Investitionen erfordern, müsse den Lieferanten geholfen werden, an staatliche Fördergelder zu kommen.

Die Arbeitsgruppe ist laut ihrem Vorsitzenden bereit, bei der Abfassung entsprechender Anfragen zu helfen. Hat der Lieferant einen Ausbildungsbedarf, um komplexere Teile produzieren zu können, müssten Ausbilder aus Russland und Deutschland geschickt werden.

Alexej Kusnezow, Russland-Chef des österreichischen Wasserabsperrarmaturen-Herstellers Hawle, merkte an, dass nicht alle ausländischen Unternehmen genug Ressourcen hätten, um russische Lieferanten „großzuziehen“. Hawle sei zwar an einer Lokalisierung der Gussindustrie in Russland interessiert, könnte diesen Prozess aber selber nicht durchgehend kontrollieren, auch nicht im Rahmen eines Konsortiums. Deshalb gelte es zu entscheiden, wer in diesem Konsortium die Federführung übernehmen und wer den Rest der Unternehmen vertreten soll.

Am Ende der Sitzung rief AG-Vorsitzender Filippenkov alle interessierten Unternehmen und Behörden auf, eine E-Mail mit Anregungen oder Möglichkeiten der Kooperation an pavel.filippenkov(at)wilo.com oder kutschinina(at)russland-ahk.ru zu schicken.

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