Andreas Bachmann, Generaldirektor OOO Josef Gartner

"Offene Kommunikation schafft Vertrauen – auch wenn der Terminplan nicht geht"

„Offene Kommunikation schafft Vertrauen – auch wenn der Terminplan nicht geht“

Im Vergleich mit anderen deutschen Akteuren auf dem russischen Markt ist die Josef Gartner GmbH relativ spät eingestiegen. OOO Josef Gartner gibt es erst seit 2009. Wie erklären Sie das? 

Wir haben kein Produkt, das wir aus einem Katalog verkaufen. Wenn ein Bauherr irgendwo ein schönes und nachhaltiges Gebäude errichten will und für die Gestaltung dieses Gebäudes eine technisch sehr anspruchsvolle und hochwertige Fassade haben möchte, ist er bei uns an der richtigen Adresse. Solche Investitionen in Premiumfassaden rechnen sich über verringerte Betriebskosten und eine lange Lebensdauer. Wir gehen nicht nach Ländern vor, sondern suchen nach konkreten Projekten. Aus dieser Logik ergeben sich unsere Märkte. In den letzten 25 Jahren haben wir immer wieder auch nach Russland geschaut. Aber der russische Markt war die vergangenen 20 Jahre sehr schwierig. Vor 2009 gab es bereits Versuche, hier Fuß zu fassen. Der Federation Tower im Moskauer Geschäftsviertel Moskau City war einer davon. Wir haben ein Angebot für den Bau des Federation Tower abgegeben. Die Fassade wurde aber an einen chinesischen Mitbewerber für ein ganz anderes Preisniveau vergeben. Die Motivation, nach Russland zu gehen, kam dann eigentlich aus Russland selbst, über Gazprom. Gazprom fand uns und fragte, ob wir an dem damaligen Okhta Center Interesse hätten. Das hatten wir. So kam der erste Kontakt zustande. Wir konnten dieses außergewöhnliche Projekt als Einstiegsmöglichkeit für den russischen Markt nutzen. Im Januar 2009 gründeten wir dann eine Tochtergesellschaft in St. Petersburg – das forderte auch Gazprom im Zusammenhang mit dem Okhta-Projekt ausdrücklich. 

Wie war das am Anfang? 

Das war ein recht bescheidener Anfang. 2009 war ich noch allein vor Ort. Es war Krisenzeit, und es gab keine anderen Projekte. Kein einziger Kran drehte sich in Moskau. Wir waren in dieser Zeit lediglich mit dem Okhta-Projekt beschäftigt: Fassadenentwicklung, Bau der ersten Muster, Durchführung notwendiger Tests und Zertifizierungen. Und dann war die Krise plötzlich zu Ende. Ende 2011 unterschrieb ich in recht kurzer Abfolge gleich drei Verträge – für die zweite Bühne des Mariinsky-Theaters in St. Petersburg, für die Fassade des Penthouse auf dem Mercury City Tower und des Evolution Tower in Moskau City – im Wert von insgesamt etwa 60 Millionen Euro. Ich stand plötzlich vor der Herausforderung, dass ich in sehr kurzer Zeit Personal aufbauen musste: Bauleiter und technische Mitarbeiter. Wir erreichten das Niveau von 30 Mitarbeitern, und behielten dieses auch lange bei. 

Wie viele Mitarbeiter zählt Gartner heute in Russland? 

Im Augenblick beschäftigen wir in Russland 192 Mitarbeiter. Im Februar 2015 kam ja mit dem Lakhta Center von Gazprom ein neues Großprojekt dazu, so dass es wieder steil aufwärts ging. Wir bringen unser Know-how auf den Markt und nutzen dabei die lokalen Ressourcen: von der Buchhaltung bis zur Bauleitung auf der Baustelle. 

Sie haben bereits auch mit Lokalisierung eigene Erfahrungen gemacht. Wie bewerten Sie die Entscheidung zur Lokalisierung aus heutiger Sicht? 

Das Thema Lokalisierung kam bei uns bereits mit dem Evolution Tower auf, und sie war ganz klar preisgetrieben. Bei den Projekten Mariinsky-Theater und Mercury City Tower waren es noch zu 100 Prozent europäische Produkte, die wir eingebaut haben. Das erste war ein staatliches Projekt, bei dem man etwas ganz Besonderes haben wollte. Beim Mercury City Tower-Penthouse handelte es sich wiederum um ein sehr hochwertiges privates Projekt. Beim Projekt Evolution Tower allerdings wollte der Kunde die komplexe Form unserer Fassade kaufen, jedoch mit begrenzten Mitteln. Er fragt uns: „Was können wir tun?“ Von uns kam der Vorschlag: „Engineered in Germany“ und „Produced in Russia“. Wir holten uns einen lokalen Partner, bei dem wir eine Produktion organisierten. Wir bauten russische Profile und deutsches Glas zu Fassadenelementen zusammen, die wir in Moskau zusammen mit dem Partner montierten. Die ganze Prozesskette hatten wir aber stets unter unserer Kontrolle. Im Grunde genommen war das eher eine Art Teillokalisierung. Beim Lakhta Center hieß es von Anfang an von Gazprom: „Wir wollen das Beste, was es gibt“. Aus unserem Hauptwerk Gundelfingen liefern wir solche High-End-Fassaden, da unsere Mitarbeiter hochqualifiziert und erfahren und die Abläufe eingespielt sind. Da aber die Fassadenelemente eine Größe von 4,2 auf 2,8 Meter haben, war deren Transport aus Gundelfingen nach St. Petersburg logistisch nicht sinnvoll. Wir entschieden uns daher für den Aufbau einer Fabrik nach unserem Standard in St. Petersburg, die möglichst nah an der Baustelle ist. Dort werden alle Materialien zusammengebracht und zu Elementen zusammengebaut. Unsere Lokalisierung ergab sich somit aus dem Projekt heraus und hat mit den politisch getriebenen Lokalisierungsintentionen nicht wirklich viel zu tun. 

Ist die Geschichte von Gartner Russland aus Ihrer Sicht eine Erfolgsgeschichte? 

Sicher, sonst wären wir nicht mehr da. Auch wenn es nicht immer einfach war und ist. Wir hatten Projekte, die sehr gut liefen – sowohl von der technischen Abwicklung als auch in finanzieller Hinsicht. Wir hatten aber auch Projekte, die weniger erfolgreich waren. Wenn ich allerdings alles zusammenrechne, dann war es doch ein großer Erfolg. Und technisch sind wir mit jedem Projekt im Endergebnis sehr zufrieden. 

Wir wollen davon ausgehen, dass Sie 2019 Ihr zehnjähriges Bestehen in Russland feiern werden. Was würden Sie dann hervorheben? Auf welche Projekte sind Sie besonders stolz? 

Die Frage ist leicht zu beantworten. Wir bauen Gebäude, die jeder kennt und die das Gesicht einer Stadt prägen. Das ist ja das Schöne an einer Fassade: Man sieht sie. Mit dem Lakhta Center in St. Petersburg und dem Evolution Tower in Moskau haben wir zwei Großprojekte im Portfolio, die sehr bekannt sind. Nicht jeder weiß, wer Gartner ist. Auch in Deutschland heißt es nicht selten „Gartner? Kenne ich nicht.“ Die meisten kennen aber die BMW Welt in München, das Stadttor in Düsseldorf, den Commerzbank Tower in Frankfurt am Main oder die Elbphilharmonie in Hamburg. Die Fassaden sind alle von Gartner. OOO Josef Gartner kennt in Russland auch nicht jeder. Aber dafür den verdrehten Turm von Moskau City bzw. das Hochhaus in St. Petersburg, das jetzt gerade gebaut wird und schon bald mit 462 Metern Höhe der höchste Wolkenkratzer Europas sein wird. So werden wir uns immer daran erinnern, dass wir diese Türme mit bauen durften. Das macht Russland aus: Es gibt hier Projekte und Chancen, die es woanders nicht gibt. Natürlich gibt es hier auch größere Risiken, keine Frage, aber wir ergreifen die Chancen. 

Mit welchen Risiken bzw. Herausforderungen sehen Sie sich in Russland konfrontiert? Welche Erkenntnisse haben Sie aus Ihrer Russland-Zeit inzwischen gewonnen? 

Die Bürokratie in Russland ist wesentlich umfangreicher als in Deutschland. Es gibt hier Randbedingungen, die ein ordentliches Wirtschaften zu einer Herausforderung machen. Die stark ausgeprägte Netzwerkbildung macht es uns Ausländern oft schwer, Kontakte so zu halten, wie Russen das untereinander können. Auch wenn 98 Prozent unserer 192 Mitarbeiter Russen und wir formal eine russische Firma sind, werden wir als Ausländer wahrgenommen. Wobei das auf der anderen Seite auch zum Vorteil werden kann. Deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit werden sehr geschätzt. Wir bei Gartner versprechen nie etwas, was wir nicht halten können. Wenn der Terminplan nicht funktioniert, sagen wir das offen. Denn offene Kommunikation schafft Vertrauen. Bestes Beispiel dazu ist der Federation Tower. Der zweite Turm sollte 2014 fertig sein. Wir haben damals gesagt, das sei nicht zu schaffen. Jetzt haben wir 2017 und er ist noch nicht fertig. Wir kennen die Klagen über bestimmte Geschäftspraktiken. Aber wir sind bisher bei keinem Projekt in Russland beispielsweise mit Korruption in Berührung gekommen und lehnen unethisches Verhalten grundsätzlich ab. Wer ein Premiumprodukt haben möchte, ist nämlich schlecht beraten, wenn er seine Kaufentscheidung von guten Beziehungen oder guten Beziehungen, die durch Geld befördert wurden, abhängig macht. Im Fassadenbau ist Europa technologisch Weltspitze. Russische Normen lehnen sich zwar oft an europäische Normen an. Aber Russen sind auch sehr stolz auf eigene technische Regelungen. Wenn Regeln allerdings sehr formalistisch gehandhabt werden, kommen wir teilweise an die Grenzen unserer Logik. Formale Bestätigungen einzuholen, kostet viel Zeit, Geld und Nerven. Das geht manchmal auch zulasten der technischen Qualität. Beispiel Arbeitsschutz- und Arbeitsrechtsvorschriften. Diese Vorschriften sind in Russland sehr streng, werden aber nicht zu 100 Prozent gelebt. Wir sind dagegen wichtige, aber überschaubare Standards gewohnt, an die sich dann auch wirklich jeder hält. 

Stellen Sie sich vor, Sie hätten bei der russischen Regierung einen Wunsch frei. Was würden Sie sich für Ihr Unternehmen wünschen? 

Wie viele andere wünsche ich mir vor allem Rechts- und Investitionssicherheit. Das ist die beste Basis, um seriöse Geschäfte zu machen und die beste Leistung abzuliefern. Die Auftragsvergabe sollte streng nach Leistung und Abwägung der Performance ablaufen. Also was kann die Firma leisten, und was kostet das? Im fairen Wettbewerb sollte das beste Preis-Leistungs-Verhältnis entscheidend sein und nicht lediglich der Billigste oder der Teuerste. Wer in der Projektabwicklung für Probleme verantwortlich ist, sollte diese Verantwortung auch wirklich übernehmen. Wer also beispielsweise für Verspätungen verantwortlich ist, sollte dafür auch geradestehen. Kurz: Ich wünsche mir faire Chancen und gute Rahmenbedingungen.


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