„Deutsche und Russen müssen Freunde sein“

Horst Teltschik, Architekt der Russlandpolitik Helmut Kohls, in einem Impuls-Gespräch über versäumte Chancen und den Weg vom Kalten Krieg zum Kalten Frieden, zur Wirkungslosigkeit westlicher Sanktionen gegen Russland, der Gefahr eines neuen Wettrüstens, die Russlandpolitik Joe Bidens – und darüber, ob Nord Stream 2 zu Ende gebaut wird.

„Deutsche und Russen müssen Freunde sein“

Während der Kanzlerschaft Helmut Kohls war er der Architekt der Ostpolitik der Bonner Republik, spielte eine der Schlüsselrollen bei der deutschen Wiedervereinigung und galt als Nebenaußenminister der 1980er Jahre. Horst Teltschik, später Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, blickt auf 30 Jahre in der Politik und 20 Jahre in der Wirtschaft zurück.

Heute lebt Teltschik mit seiner Frau im bayerischen Rottach-Egern, einer Gemeinde unweit der Stadt Tegernsee, in der er aufwuchs. Geboren wurde Horst Teltschik weiter östlich, im tschechischen Klantendorf, dem heutigen Kujave. So geht denn auch sein Nachname auf eine tschechische Bezeichnung zurück: auf den Stadtnamen Telč.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs flohen die Teltschiks nach Tegernsee. Hier machte Horst Teltschik das Abitur in einer Schule, die er nach eigenem Bekunden nur ungern besuchte. Die Schule hatte einen mathematischen Schwerpunkt, ihm aber lagen die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Denen widmete er sich schließlich auch im Studiengang Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin.

Anfang der 1970er Jahre ging Teltschik als Referent an die Mainzer Staatskanzlei des damaligen Ministerpräsidenten Helmut Kohl. Über 19 Jahre währte diese an historischen Errungenschaften reiche Zusammenarbeit.

Wenn auch als Kind, so hatte Horst Teltschik den Zweiten Weltkrieg doch miterlebt. Es folgte der Kalte Krieg. Teltschik war Zeuge, wie die Welt am Abgrund einer atomaren Katastrophe stand, und trug dazu bei, dass 80 Prozent aller Kernwaffen vernichtet wurden. Er erlebte, wie die Berliner Mauer errichtet wurde und wie sie zusammenbrach, wie das Sowjetimperium verschwand und wie Deutschland sich wiedervereinigte. Teltschik und seine Generation haben viel dafür getan, dass West und Ost ungeahnte Chancen auf Annäherung und Kooperation erhielten.

Wegen der unzähligen Souvenirs aus allerlei Ländern erinnert das Haus der Teltschiks an ein Museum. Mit dem Reisen begann das Ehepaar, nachdem er aus der Politik in die Wirtschaft gewechselt hatte. Teltschik war unter anderem Vorstandsmitglied der BMW Group (1993 bis 2000) und Präsident von Boeing Deutschland (2003 bis 2006). In dieser Zeit sind die Teltschiks an vielen Orten gewesen.

Noch mehr allerdings erinnert ihr Haus an eine Bibliothek. Jedes verfügbare Eckchen in Teltschiks Arbeitszimmer ist mit Büchern vollgestellt; neben dem Arbeitszimmer – eine mit Fotos aus den Jahren seiner politischen Karriere behangene Wand. Aus einer Zeit, in der er „noch jung und schön“ gewesen sei, sagt der Achtzigjährige. Auch Helmut Kohl, Michail Gorbatschow, Francois Mitterand, Ronald Reagan und George Bush sind auf den Bildern zu sehen.

Im Gespräch beklagt Teltschik, wie die nachfolgende Politikergeneration Chancen zur Zusammenarbeit im Ost-West-Format verpasste und weiterhin verpasst. Er sorgt sich, wie die Welt mit auflodernden und nicht endenden Lokalkriegen und mit Atommächten, die aus zentralen Sicherheitsverträgen aussteigen, immer kälter wird. Der Untertitel „Von Kalten Krieg zum Kalten Frieden“ seines neuen Buches „Russisches Roulette“ ist ihm deshalb besonders wichtig.

Auf die Frage, ob er heute gerne nochmal jung wäre, sagt Horst Teltschik, man könne sich das Zeitalter, in dem man lebe, nicht aussuchen, aber „willst du etwas ändern, musst du in die Politik gehen“. Seine Kindheit und Jugend waren nicht durch Überfluss geprägt, aber es gab, wie er fast schon skandiert, Frieden. „Es gab Frieden“, sagt er. Frieden ist das, was dieser Mensch von aufrechtem Gang, mit durchstrukturierter Sprechweise und kühlem Kopf sein Leben lang zu bewahren versucht.

Herr Teltschik, wann waren Sie zum ersten Mal in Russland?

Zu Sowjetzeiten 1974 in Moskau. Als außenpolitischer Berater von Helmut Kohl zu politischen Gesprächen. Kohl war Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Leonid Breschnew Generalsekretär der Kommunistischen Partei. Wir wohnten ganz in der Nähe des Roten Platzes im berühmten Hotel Rossija, das jetzt abgerissen und einem Park gewichen ist. Auf jeder Etage saß eine Babuschka, die kontrolliert hat, wer wann kommt und geht. Wir wussten, dass wir im Zimmer abgehört werden und haben deshalb mit Helmut Kohl immer mit lauter Stimme unsere Abreise angekündigt, falls wir keine hochrangigen Gesprächspartner bekommen. So hat es sogar mit dem sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko geklappt.

Wie war Ihr Eindruck von Moskau und seinen Menschen?

Die sowjetische Hauptstadt war damals eine sehr arme Stadt. Lebensmittelgeschäfte hatten höchstens Gläser mit eingelegten Gurken in den Schaufenstern. Viele Russen liefen mit gesenkten Köpfen durch die Straßen und wirkten resignativ. Es war eine deprimierende Stimmung.

Die Sowjetunion war ein Armenhaus, als vor 30 Jahren der Vertrag zur deutschen Wiedervereinigung unterzeichnet wurde, den Sie an der Seite von Bundeskanzler Kohl mit Michail Gorbatschow sowie George Bush, Francois Mitterand und Margret Thatcher ausgehandelt haben.

An Moskauer Bahnhöfen und Metrostationen verkauften Babuschkas ihre Habseligkeiten, manchmal getragene Büstenhalter. Als Bundesregierung haben wir damals allein im Jahr 1990 Lebensmittel und Alltagsbedarf für 1,5 Milliarden D-Mark als Geschenk geliefert.

Angesichts der Massenarmut startete das Wochenmagazin Stern die Aktion „Helft Russland“, Hunderttausende Deutsche schickten Pakete nach Russland. Heute ist Moskau eine dynamische und wohlhabende Metropole. Ist das postsowjetische Russland also eine Erfolgsgeschichte?

Meine Frau und ich haben im letzten Jahr eine Wolga-Schiffsreise gemacht mit Tagesausflügen in sechs Städte. Viele Häuser waren renoviert und die Menschen viel besser angezogen. Junge Leute trugen modisch zerschlissene Jeans wie in Deutschland. Ich denke aber, dass Russland noch viel weiter sein könnte, wenn es mehr Wirtschaftsreformen wagen und kleine und mittelständische Unternehmen entschlossener fördern würde.

Politisch leben wir in einer neuen Eiszeit zwischen Russland und dem Westen, so kalt wie nie seit dem Zerfall der Sowjetunion. Ihr neues Buch „Russisches Roulette“ trägt den treffenden Untertitel „Vom Kalten Krieg zum Kalten Frieden“. Waren die Hoffnungen naiv, die viele vor 30 Jahren auf eine dauerhafte Annäherung zwischen Russland und dem Westen hatten?

Ich persönlich gehöre einer Generation an, die noch als ein kleines Kind den Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Mein Vater hat in beiden Weltkriegen gekämpft, erst gegen Russland, dann gegen die Sowjetunion. Im ersten Weltkrieg erlitt er einen Bauchschuss und wurde von russischen Soldaten gerettet, nicht von deutschen. Er war zweimal in Kriegsgefangenschaft. Deshalb war ich in meinem Leben immer der Meinung: Nie wieder Krieg, nie wieder. Aber auch nie wieder Faschismus, und später habe ich auch gesagt: Nie wieder Kommunismus. Ich trete deshalb entschieden für ein Gesamteuropa ein, wie es die Pariser Charta von 1990 festlegt, die von 32 europäischen Ländern sowie den USA und Kanada mit dem Ziel unterschrieben wurde, eine dauerhafte Friedens- und Sicherheitsordnung in Europa zu schaffen. Das war visionär. Das bleibt richtig und wichtig. Das gemeinsame europäische Haus, wie Michail Gorbatschow es genannt hat, in dem jeder Bewohner gleiche Sicherheit hat. Ich wünsche mir, dass wir Politiker haben, die sagen: Ja, dieses europäische Haus, das will ich. Dann müssen aber alle – auf der einen Seite Wladimir Putin, auf der anderen Angela Merkel und Emmanuel Macron und die EU – sagen: Ja, das wollen wir gemeinsam, Schritt für Schritt. Schwierig sicher. Das weiß ich auch. Aber nichts im Leben ist leicht.

Manchen erscheint die Situation zwischen Deutschland und Russland und Russland und dem Westen hoffnungslos verfahren. Ihnen auch?

Verfahren ja, aber keineswegs hoffnungslos. Es muss mehr miteinander geredet werden. Kommunikation war auch in den 1980er Jahren in der Zeit vor Gorbatschow sehr schwierig. Mit der sowjetischen Intervention in Afghanistan, westlichen Sanktionen und dem Nato-Doppelbeschluss als Antwort auf die Stationierung der sowjetischen Mittelstreckenraketen SS-20 war Anfang der 1980er ein neuer Höhepunkt des Kalten Krieges erreicht. Der sowjetische Führer Juri Andropow drohte mit einem dritten Weltkrieg und der amerikanische Präsident Ronald Reagan nannte die Sowjetunion ein „Evil Empire“ und initiierte die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) zum Aufbau eines Abwehrschirms gegen Interkontinentalraketen. Trotzdem hat Bundeskanzler Kohl schon kurz nach seiner Wahl an Andropow geschrieben, um ihm zu sagen, dass Deutschland vernünftige und konstruktive Beziehungen zur Sowjetunion möchte.

Was müsste heute getan werden?

Mehr miteinander reden, aber leider geht der Trend in der internationalen Politik dahin, mit dem Gegner nicht mehr zu reden. Der Ausschluss von der Kommunikation, von Gipfeltreffen, von Russland aus der G-8 wird als Strafe für Fehlverhalten benutzt und die Wiederaufnahme von Kontakten an Vorbedingungen geknüpft. Wir haben den NATO-Russland-Rat. Er hat weder während der Georgien-Krise 2008 noch in der Ukraine-Krise 2014 getagt. Dabei ist seine Kernaufgabe die Lösung von Krisen. Später gab es zur Ukraine-Krise Treffen auf Botschafterebene. Botschafter jedoch können keine Entscheidungen treffen. Es müssen Regierungschefs oder Außen- oder Verteidigungsminister miteinander reden.

Als Siemens-Chef Joe Kaeser kurz nach Ausbruch der Ukraine-Krise Putin besuchte, brach ein Sturm der Entrüstung über ihn herein.

Viele finden es eine Art Verrat an westlichen Werten, wenn jemand mit dem syrischen Machthaber Assad oder dem Regime in Teheran redet. Auch wer sich mit Wladimir Putin trifft, muss zumindest mit Misstrauen rechnen, so als könnte ein Gespräch mit ihm den Dialogpartner kontaminieren. Ich würde den heute verantwortlichen Politikern gern eine Kopie von John F. Kennedys Rede aus dem Jahr 1963 in die Hand drücken. „Wir müssen die Welt so nehmen, wie sie ist, und uns um Entspannung bemühen, ohne in unserer Wachsamkeit nachzulassen.“ Notwendig dafür sei ein „höheres Maß an Kontakt und Kommunikation“.

Was fehlt den heutigen Politikern?

Perspektive und Strategie.

Warum sprechen Politiker heute nicht selten mehr über- als miteinander?

Gute Frage. Bundeskanzlerin Merkel kann jederzeit mit Präsident Putin reden, telefonieren, ihn treffen. Die Frage ist nur, was sie besprechen, was ihre Ziele sind. Wer in der jüngsten Zeit positiv auf Russland zugegangen ist, ist der französische Präsident Macron. Aber in Gang gekommen ist auch da nichts. Das liegt auch daran, dass es beim Minsker Abkommen und in der Ostukraine leider keine Fortschritte gibt. Wir brauchen eine Politik des Gebens und Nehmens, wie die Amerikaner sagen: eine give-and-take-policy. Zwischen den USA und Russland läuft allerdings gar nichts im Augenblick.

Wird sich das mit Joe Biden als neuem Präsidenten ändern? Biden hat Putin als thug, als Schurken, geschmäht und Russland als größte Gefahr für Amerika bezeichnet.

Bei Biden muss man abwarten. Ronald Reagan war auch absoluter Gegner der Sowjetunion, als er 1981 Präsident wurde. Am Ende war er bereit, mit Gorbatschow sogar ein weltweites Verbot von Atomwaffen zu verhandeln. Er hat weitreichende Abrüstungsverträge mit der Sowjetunion geschlossen, von denen Anfang der 198er keiner geglaubt hätte, dass ein Reagan dazu bereit ist. Wir brauchen wieder mehr Vertrauen unter den Staatenlenkern und eine pragmatische Herangehensweise: Hilfst du mir, helfe ich dir – nicht einseitige, sondern wechselseitige Hilfe. Das ist sicher leichter gesagt als getan. Es ist alles schwierig in der Politik, das weiß ich nach 21 Jahren in der Politik. Lassen Sie uns auf ein ermutigendes Beispiel schauen: Bis Ende des Zweiten Weltkrieges war Frankreich der Erbfeind von Deutschland. Zwischen dem 16. Jahrhundert und dem Zweiten Weltkrieg hatten wir 27 Kriege. Und nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir gesagt: Wir müssen engste Freunde werden. Und es hat funktioniert. Ich habe an 70 Treffen zwischen Kohl und Mitterrand teilgenommen. Die beiden waren am Ende gute Freunde.

Gibt es mit Biden eine bessere Chance auf Rüstungskontrolle und Abrüstung als mit Donald Trump?

Ich hoffe, dass Biden klug genug ist, New START von 2010 zu verlängern, den Vertrag zur Reduzierung von Interkontinentalraketen. Das wäre unbedingt nötig, ebenso wie neue Verhandlungen über weitere Abrüstung und über Rüstungskontrolle. Die Situation ist gefährlich. Beide Seiten entwickeln neue Nuklearsysteme, die schneller, kleiner und damit einsatzbarer werden. Meine größte Sorge ist, dass wir ein neues Wettrüsten bekommen: Die NATO bewegt sich nicht, Russland bewegt sich nicht. Trump sagte, wir bauen eine neue Rakete, Putin sagte „ich auch“, dasselbe sagen die Chinesen. Was wollen wir – neues Wettrüsten oder neues Abrüsten? Wollen wir zusammenarbeiten oder wollen wir uns weiter gegenseitig beschimpfen?

Wie kann ein neues Wettrüsten vermieden werden?

Wir haben zu wenig Politiker, die bereit sind, klare Ziele und Strategien zu definieren: Was sie erreichen wollen und wie sie dahin kommen. Helmut Kohl hat das mit seinem Zehn-Punkte-Plan zur Deutschen Einheit getan. Oder die schon erwähnte Pariser Charta von 1990 als Grundlage einer europäischen Friedensordnung. So etwas fehlt heute. Dabei liegt der Vorschlag einer gemeinsamen europäischen Freihandelszone von Wladiwostok bis Lissabon schon seit Jahren auf dem Tisch. Getan hat sich aber nichts.

Als Deutsch-Russische Auslandshandelskammer gehören wir zu den Gründern einer Initiative aus der Privatwirtschaft, die sich für den Wirtschaftsraum Wladiwostok-Lissabon einsetzt. Ihr haben sich inzwischen mehr als 100 Firmen wie Siemens, Bosch oder Knauf angeschlossen, die meisten davon deutsche Unternehmen. Wie hoch sehen Sie die Chancen, dass es zu einem solchen Wirtschaftsraum kommt?

Wir dürfen das Ziel nicht aufgeben. Der ehemaligen israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir wird der Satz zugeschrieben: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Allerdings sehe ich im Moment keinen Politiker, der sagt: Das will ich jetzt. Die Europäer sind nicht bereit, darüber zu reden, solange wir das Ukraine-Problem haben. Jetzt kommt Belarus hinzu. Russland bewegt sich seinerseits nicht in der Ukraine-Frage. Keine Seite bewegt sich. Status quo. Stillstand. Moskau hat sich beim Aufbau der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) am EU-Binnenmarkt und den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) orientiert, Putin hat erst 2001 bei seinem Deutschlandbesuch eine gesamteuropäische Freihandelszone vorgeschlagen, dann noch einmal 2010. Geschehen ist nichts. Russland müsse erst Mitglied der WTO werden, hieß es. 2012 trat Russland der WTO bei, getan hat sich dennoch nichts. Dabei könnten Gespräche und Verhandlungen über einen solchen Wirtschaftsraum dazu beitragen, die politischen Probleme und den Ukraine-Konflikt Schritt für Schritt zu lösen.

Welche Rolle kann die Wirtschaft bei einer möglichen Annäherung von Deutschland und Europa auf der einen und Russland auf der anderen Seite spielen?

Als erstes müssten die Sanktionen aufgehoben werden. Selbst der russische Oppositionelle Alexej Nawalny, auf den ein Giftanschlag verübt wurde, hat erklärt, Sanktionen schaden den Menschen. Und er hat Recht, die Sanktionen schaden auf beiden Seiten. Deshalb müssen sie weg. Und wir müssen versuchen, möglichst viele Kooperationen zu entwickeln. Gerade die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer spielt hier eine wichtige Rolle. Nicht nur bei geschäftlichen Kontakten. Wir brauchen mehr Schüler- und Studentenaustausch. Wir sollten die Visumsfreiheit für junge Menschen aus Russland einführen. Feindbilder schwinden, wenn sich die Menschen besser kennenlernen.

Horst Teltschiks Buch „Russisches Roulette: Vom Kalten Krieg zum Kalten Frieden“ erschien 2019 im C.H.BECK Verlag (234 S.; 16,95 Euro).

Was haben die westlichen Sanktionen gegen Russland erreicht?

Politisch gar nichts. In der Ukraine-Frage hat sich nichts bewegt, und in den Beziehungen Russland-EU, Russland-NATO bewegt sich auch nichts. Die Sanktionen schaden beiden Seiten. Teilweise konnte Russland sogar profitieren, weil es begonnen hat, Einiges selbst zu produzieren, was es vorher eingekauft hat. Landwirtschaftliche Güter, zum Beispiel. Außerdem lehnt sich Russland stärker an China. Das ist weder für den Westen eine positive Entwicklung noch – so sehe ich es – für Russland.

Wann könnten die Sanktionen enden?

Wenn man will, kann man das morgen machen. Natürlich ist es schwierig, weil es keine Entscheidung eines Landes ist, sondern die der Europäischen Union und der USA. Aber man kann und sollte es machen.

In den 1970er Jahren waren die Amerikaner gegen das deutsch-sowjetische Erdgas-Röhren-Geschäft. Heute sind sie vehement gegen Nord Stream 2. Wird die Pipeline zu Ende gebaut?

Wenn die Europäer bei ihrer jetzigen Position bleiben, vor allem die Bundesregierung, dann wird Nord Stream 2 zu Ende gebaut – auch wenn die Amerikaner dagegen sind. Bisher war die Bundeskanzlerin eindeutig für die Fertigstellung der Pipeline. Welche Position Joe Biden letztlich zu Nord Stream 2 einnehmen wird, wissen wir nicht. Das ist ein Thema, das Bundeskanzlerin Merkel mit ihm besprechen muss. Ich hoffe, dass sie möglichst schnell nach Washington fliegt und den neuen Präsidenten trifft.

Welche Folgen hätte es, wenn Nord Stream 2 nicht zu Ende gebaut werden könnte?

Es wären Firmen aus fünf europäischen Staaten betroffen. Da fallen Schadenersatzforderungen in Milliardenhöhe an. Wer zahlt die? Auch das stimmt mich relativ optimistisch, dass Nord Stream 2 vollendet wird.

Gibt es noch eine Chance auf das gemeinsame europäische Haus, von dem Michail Gorbatschow und Helmut Kohl vor drei Jahrzehnten sprachen?

Unabhängig von der großen Politik sollten wir auf der gesellschaftlich-politischen Ebene die Kontakte und die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland weiter vertiefen und ausbauen. Die Russen sahen in den Deutschen lange große Feinde. Jetzt wollen wir Freunde sein, und umgekehrt. Am Rande der entscheidenden Verhandlungen zum Einigungsvertrag, damals im Kaukasus, gingen Kohl und Gorbatschow über einen großen Platz. Eine Gruppe russischer Weltkriegsveteranenы kam auf uns zu. Mit zerfurchten Gesichtern. Sie hatten im Kaukasus gegen die deutsche Wehrmacht gekämpft. Und die haben sich dann vor Kohl und Gorbatschow hingestellt, das war nicht verabredet, und ich hatte etwas Sorge, wie das nun ablaufen wird. Gorbatschow hatte ja an diesen Tag dem ehemaligen Erzfeind die wichtigste Kriegsbeute zurückgegeben, die DDR. Wie würden die Veteranen reagieren? Ihr Sprecher stellte sich hin und sagte: „Russen und Deutsche müssen Freunde sein“. Das es ist. Mehr braucht man gar nicht. Wir müssen uns als Freunde verstehen, und Freunde helfen sich gegenseitig.

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