„Wo wir aktiv sind, übernehmen wir auch soziale Verantwortung“

Die beiden deutschen Traditionsunternehmen der Öl- und Gasbranche, Wintershall und DEA, haben in diesem Jahr ihre Fusion abgeschlossen. Nun ist Wintershall Dea der größte unabhängige Erdgas- und Erdölproduzent Europas. Über die Auswirkungen der Fusion auf das Russlandgeschäft sowie Wachstums- und Entwicklungspläne spricht Russlandchef Torsten Murin.

„Wo wir aktiv sind, übernehmen wir auch soziale Verantwortung“

Herr Murin, welches sind die wichtigsten Projekte im Russland-Portfolio von Wintershall Dea?

Der größte Teil unserer Projekte befindet sich im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen. Das sind unsere Joint Ventures mit Gazprom – Achimgaz, Severneftegazprom und Achim Development. Darüber hinaus haben wir mit LUKOIL südlich von Wolgograd unser gemeinsames Unternehmen Wolgodeminoil. Damit sind wir in Russland nicht bloß ein Gas- und Ölunternehmen, sondern spielen eine große Rolle als internationaler Investor.

Wie erfolgreich sind Sie in Russland angesichts schwacher Konjunktur und Sanktionsrisiken?

Die Nachfrage ist hauptsächlich getrieben von der europäischen Konjunktur, nicht von der russischen. Denn Gas und Öl werden ins Ausland verkauft und der wichtigste Abnehmer ist Europa, das große Mengen seines Bedarfs importiert. Europa ist stark diversifiziert und erhält aus vielen Quellen Gas und Öl, so zum Beispiel aus Norwegen, Algerien oder den USA. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass die Nachfrage nach Gas und Öl aus Russland nicht nachlassen wird. In den europäischen Binnenmarkt kann russisches Gas als Flüssiggas (LNG) oder Pipelinegas importiert und überallhin transportiert werden. Somit sind wir relativ unabhängig von wirtschaftlichen Entwicklungen auf dem russischen Markt. Zudem gibt es in Europa viele unterschiedliche Volkswirtschaften, sodass Konjunkturschwächen einzelner Staaten weniger starke Auswirkungen haben. Die Erdgasproduktion in Europa wird immer stärker zurückgehen, das ist sicher. Allein in Deutschland ist die Produktion in den letzten zehn Jahren um mehr als die Hälfte gesunken. Die Niederlande, einer der wichtigste Erdgasproduzenten Europas, will seine Produktion bis 2030 komplett einstellen. Deshalb sehen wir weiterhin Wachstumspotential für unsere Branche.

„Durch die Fusion sind wir das größte unabhängige Gas- und Ölunternehmen in Europa geworden.“

Viele Kritiker sagen, es sei gefährlich, wenn sich Europa bei den Energieimporten zu abhängig von Russland macht. Wie sehen Sie das?

Europa muss dafür sorgen, dass Energie günstig, verlässlich und in ausreichenden Mengen aus verschiedenen Quellen bereitgestellt bzw. importiert wird. Das ist Versorgungssicherheit, und Europa tut gut daran, auch auf Pipelinegas zu setzen, weil es jedem Wettbewerb standhält. Es gibt Pipelines aus Nordafrika oder Norwegen, es gibt LNG aus verschiedenen Teilen der Welt, und es gibt Pipelines aus Russland. Pipelinegas aus Russland ist also nur ein Baustein der Versorgungssicherheit. Deutschland hat derzeit einen Importbedarf von 100 Milliarden Kubikmetern Erdgas pro Jahr. 40 Milliarden kommen aus Russland, davon wiederum stammen über 12 Milliarden aus der Produktion von Wintershall Dea.

Welche Zukunfts- und Wachstumspläne verfolgt Wintershall Dea auf dem russischen Markt?

Wir haben zurzeit bei mehreren Projekten sehr vielversprechende Entwicklungen und Pläne. Eines davon ist Severneftegazprom, das schon seit 2007 produziert. Allein in diesem Jahr stehen 14 Explorations- und Produktionsbohrungen an, und über 120 weitere sind in den nächsten Jahren geplant. Bei unserem Joint Venture Achim Development arbeiten zurzeit über 160 Kolleginnen und Kollegen daran, ein sehr ambitioniertes Ziel, nämlich den Produktionsstart Ende 2020, zu realisieren. Und natürlich beobachten wir den russischen Markt sehr aufmerksam, um im richtigen Moment weitere Projekte gemeinsam mit starken Partnern in Angriff nehmen zu können.

Inwiefern helfen Ihnen digitale Technologien, die Produktion effizienter zu gestalten?

Digitalisierung ist in erster Linie ein Prozess, der zur Effizienzsteigerung beitragen kann. Dabei ist es wichtig, den gesamten Arbeitsablauf zu verstehen, und zwar alle Obertage- und Untertageaktivitäten von der Exploration bis hin zur Förderung. Bei der Erschließung der Turon-Schicht im Erdgasfeld Juschno-Russkoje befindet sich unser Joint Venture Severneftegazprom zum Beispiel derzeit in der Pilotphase, um einen sogenannten Digital Twin, einen digitalen Zwilling, zu implementieren. Ein Digital Twin ist ein digitalisiertes Abbild der Lagerstätte und aller Anlagen mit der Möglichkeit, Messwerte und Daten live zu verfolgen und sogar weitere Vorhaben digital zu simulieren. Diese Technologie hilft uns unter anderem dabei, Bohrungen in unterschiedlichen Gesteinsschichten besser aufeinander abzustimmen. Davon erhoffen wir uns eine Verringerung der Kosten bei einer gleichzeitigen Steigerung der Produktion.

„Wir beobachten den russischen Markt sehr aufmerksam, um im richtigen Moment weitere Projekte in Angriff nehmen zu können.“

Welche Auswirkungen hat die Fusion von Wintershall und DEA auf Ihr Russlandgeschäft?

Durch die Fusion sind wir das größte unabhängige Gas- und Ölunternehmen in Europa geworden. Das hat Auswirkungen auf unser Geschäft in Deutschland und Europa, aber natürlich auch in Russland. Wintershall Dea ist ein bedeutender und glaubwürdiger Player, der in der Energiepartnerschaft zwischen Russland und Deutschland einen Beitrag leistet. In diesem Rahmen sehen wir es als unsere Aufgabe, den Dialog zwischen beiden Seiten mit all den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu fördern.

Wenn wir auf das operative Geschäft schauen, ist unser Gesamtportfolio durch den Merger stärker diversifiziert und der Anteil unseres Russlandgeschäfts an der Gesamtproduktion etwas gesunken. Das eröffnet wiederum Spielräume für neue Gas- und Ölprojekte in Russland.

Wie relevant ist das Thema Flüssiggas (LNG) für Sie? Russische Konzerne wie Novatek investieren Milliarden in Großprojekte wie Arctic LNG 2.

Wir als Wintershall Dea konzentrieren uns auf unsere Hauptaktivitäten im Gas- und Ölgeschäft und planen in absehbarer Zeit keine Investitionen im Bereich LNG.

Wie engagiert sich Wintershall Dea abseits von Gas und Öl in Russland, etwa im Bereich soziale Verantwortung?

Wir sehen es als Teil unserer unternehmerischen Verantwortung, uns in den Regionen, in denen wir aktiv sind, auch gesellschaftlich zu engagieren. In Russland hat das eine lange Tradition, sodass ich nur einige unserer CSR-Projekte nennen möchte. Während wir uns früher stärker auf die Restaurierung von Kulturgütern oder Kunstausstellungen konzentriert haben, legen wir heute unseren Fokus auf die Menschen, also auf soziales Engagement.

Zum Beispiel haben wir im sibirischen Nowy Urengoi 2015 begonnen, gemeinsam mit der Gebietsadministration einen inklusiven Montessori-Kindergarten mit medizinischen Einrichtungen für 200 Kinder zu entwickeln. Eine Schule vor Ort unterstützen wir mit einer Wintershall Dea Klasse, in der wir eine intensive Förderung von Schülern im Bereich Chemie ermöglichen.

In St. Petersburg, wo sich der Sitz von Wintershall Dea Russland befindet, unterstützen wir den Zirkus Upsala. Theaterkunst- und Zirkuspädagogik steht hier bei der Arbeit mit Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen im Fokus und wird inklusiv umgesetzt. Dabei lernen die Jugendlichen Anerkennung und Wertschätzung kennen.

Wir sind seit über 25 Jahren in Russland und halten auch in Zukunft daran fest: Wo wir aktiv sind, übernehmen wir auch soziale Verantwortung.


Das Interview führte Thorsten Gutmann.

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