Bezgraniz Couture

Mode ohne Grenzen

Als soziale Unternehmer haben ein Deutscher und eine Russin das Tabu Behinderung gebrochen

Stylistinnen föhnen und kämmen, tragen Makeup auf und tuschen Wimpern. Models drängen sich überall dort eng aneinander, wo große Spiegel stehen. Wer gleich auf den Laufsteg geht, will nicht nur schön sein, sondern perfekt. Mittendrin sitzt Olga Lojewa: dunkle lockige Haare, knallrote High Heels, froschgrüne Hose – und Rollstuhl. Auch Olga wird gleich im Rampenlicht stehen, und mit ihr mehr als zwei Dutzend andere Models, die eine besondere Kollektion präsentieren: Mode für Menschen mit Behinderung, Mode von Bezgraniz Couture.

Übersetzt heißt Bezgraniz „ohne Grenzen“ und genau darum geht es an diesem Tag bei der Mercedes-Benz Fashion Week in Moskau.

Jahrzehntelang waren Menschen mit Behinderung in Russland ausgegrenzt. In der Sowjetunion störten sie das Image der Sieger-Nation, wurden versteckt. Daran änderte sich auch im neuen Russland lange wenig. Die Gesellschaft war den Anblick von Menschen, die anders sind, nicht gewohnt. Dass Behinderung heute kein Tabuthema mehr ist, dazu hat Bezgraniz Couture einen großen Beitrag geleistet.

Viele deutsche Firmen haben die soziale Verantwortung, die in Deutschland sogar im Grundgesetz verankert ist, mit nach Russland gebracht. Bezgraniz Couture ist dafür ein Paradebeispiel.

Models von Bezgraniz Couture.

Gemeinsamer Auftritt auf dem Laufsteg.

Hinter den Kulissen der Fashion Week in Moskau.

Hinter dem Modelabel stehen zwei Unternehmer und eine deutsch-russische Geschichte. Es war 2006, als der Ex-Siemens-Manager Tobias Reisner bei einem Vortrag hörte, dass auf der Welt 1,3 Milliarden Menschen mit Behinderung leben. „Da haben bei mir im Kopf die Zahlen angefangen zu arbeiten“, erzählt er, „so viele potenzielle Konsumenten, so wenig Angebote.“ Reisner hatte sich gerade mit einer IT-Firma in Moskau selbstständig gemacht. Nun hatte er eine neue Zielgruppe erkannt, noch ohne zu wissen, was er ihr anbieten könnte. Er setzte sich mit Janina Urussowa zusammen, die er kurz vorher in Moskau kennengelernt hatte.

Urussowa konnte mit Reisners Ideen zuerst überhaupt nichts anfangen. Aufgewachsen in Moskau, lebte die studierte Architektin in den Neunzigerjahren in Deutschland, wo sie in Empirischer Kulturwissenschaft promovierte, bevor sie nach Russland zurückkehrte, um für Siemens die Abteilung Unternehmenskommunikation aufzubauen. 

Gemeinsam fanden sie schließlich die Marktlücke: „Design und Schönes“ gab es für Menschen mit Behinderungen damals kaum. Ein paar Jahre später suchte Urussowa nach Designern für die erste Fashion Show, doch viele Modeschöpfer wollten nicht mit dem Thema in Berührung gebracht werden. 

Wenn die Models von Bezgraniz Couture heute auftreten, warten hunderte Zuschauer vor dem Saal auf den Eintritt. Nach der Show applaudieren sie im Stehen. 

Dazwischen präsentiert Stacy Paris, ein Gastmodel aus England, einen weit geschnittenen weinroten Zweiteiler, der den Blick freigibt auf ihre beiden Beine, zwei Hightech-Prothesen. Artjom Worobjow führt einen grauen Anzug vor, der auch im Rollstuhl keine Falten wirft und die Taschen so weit vorne hat, dass der junge Mann gut reingreifen kann. Andere Frauen zeigen selbstbewusst die teils eleganten, teils ausgefallenen Kombinationen, die für sie maßgeschneidert wurden, mit extra kurzen Ärmeln und Hosenbeinen zum Beispiel für Menschen mit Down-Syndrom. 

Immer folgt die Form dabei der Funktion, aber ohne dass es auf Kosten des Designs geht. So berichtet Urussowa von einer blinden Frau, die ihre komplette Kleidung immer kalt wusch, weil sie nicht wusste, was welche Farbe hat. Bezgraniz Couture ließ deshalb die Namen der Farben in Brailleschrift auf Kleider sticken. Das hilft der Frau im Alltag und sieht zugleich schick aus.

Reisner und Urussowa haben ihre Zielgruppe von Beginn an aus einer wirtschaftlichen Perspektive betrachtet: als Konsumenten, Arbeitnehmer, Experten und nicht als hilfsbedürftig und bemitleidenswert. 

Sie stellten selbst Menschen mit Behinderung als Fachkräfte für Marketing, als Juristen, Übersetzer und Projektmanager ein und vermittelten sie auch an andere Firmen. Sie organisierten unter anderem Reisen für Rollstuhlfahrer, internationale Konferenzen zum Thema Barrierefreiheit und Seminare für Führungskräfte, die von blinden Trainern geleitet werden. Dabei sind die Gründer unbewusst zu sozialen Unternehmern geworden. Mittlerweile konzentrieren sie sich voll auf Mode. Dazu gehört für sie auch das Rebranding von Behinderung oder „Anderssein“, wie sie es nennen.

Ihren Models und Kunden soll die trendige Kleidung nicht nur Eleganz verleihen, sondern auch mehr Selbstwertgefühl.

Heute scheuen sich renommierte Modezeitschriften nicht mehr, die Models von Bezgraniz Couture abzubilden. Sponsoren unterstützen das Label. Die Kollektionen, die Studenten der British Higher School of Art and Design in Moskau unter Anleitung von Bezgraniz Couture entwerfen, wurden bereits in Los Angeles auf dem Laufsteg präsentiert. Noch gibt es nur Einzelstücke. Erschwingliche Mode in Serie zu produzieren und gewinnbringend auf der ganzen Welt zu verkaufen, das sind die nächsten Etappen im Businessplan der sozialen Unternehmer.

Fotos: Bezgraniz Couture, Evgeny Kondakov

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