EkoNiva

Der Melkmeister Russlands

Wie Stefan Dürr zum größten Milcherzeuger Europas wurde

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der traditionelle Beiname Amerikas, liegt für den Bauernsohn Stefan Dürr im Osten. 1964 in der Kleinstadt Eberbach im Odenwald geboren, hat er es in Russland in nur wenigen Jahren zum größten Rohmilchproduzenten Europas gebracht.

Von Kursk im Westen des Landes bis Nowosibirsk, 3500 Kilometer weiter im Osten gelegen, bewirtschaftet Dürr mit seinem Unternehmen EkoNiva mehrere gewaltige Flächen, die zusammen größer als das Saarland sind.

Inzwischen gehören ihm hunderttausend Rinder.

Die Kennziffern von Dürrs Betrieb sind atemberaubend, doch noch mehr beeindruckt ihr rasantes Wachstum. 2015 gaben seine Kühe jeden Tag genug Milch, um eine Million Menschen mit einem halben Liter zu versorgen. Zwei Jahre später hatte sich die Leistung auf Tausend Tonnen Milch täglich verdoppelt.

Dürr ist damit der Melkmeister Russlands. Er produziert schon jetzt mehr als alle anderen, und ständig kommen weitere Standorte hinzu.

Möglich macht das nicht nur der dynamische russische Markt, sondern auch die Politik.

Die Regierung möchte, dass Russland unabhängig von Lebensmittelimporten wird und fördert daher heimische Produzenten. Unternehmen wie EkoNiva profitieren von vergünstigten Krediten und Zuschüssen für Investitionen. Stefan Dürr versteht es aber auch, die Möglichkeiten zu nutzen, die Russland ihm bietet.

Schon 1989 arbeitete Dürr während seines Studiums einige Monate auf einer Schweine­farm nahe Moskau. Als erster westdeutscher Praktikant lernte er eine sowjetische Kolchose von innen kennen. Nach dem Ende der Sowjetunion beriet er russische Agrarpolitiker und initiierte den „Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialog“, der bis heute Experten und Politiker beider Länder zusammenbringt.

Mitte der Neunziger gründete er in Russland EkoNiva und ihre deutsche Muttergesellschaft Ekosem-Agrar.

Zunächst importierte Dürr Saatgut und Landmaschinen. Anfang des Jahrtausends übernahm er in der fruchtbaren Schwarzerde-Region nahe der Metropole Woronesch seinen ersten russischen Hof. Eine Flugstunde südlich von Moskau, im Zentrum von Dürrs Agrarimperium, ist EkoNiva heute allgegenwärtig. Rechts und links des Don wachsen hier seine Maiskolben und andere Feldfrüchte, stehen seine Ställe und weiden seine Kühe.

In den Ställen herrscht stets die gleiche Ordnung. Eine nach der anderen betreten die Milchkühe das „Karussell“, wie der Melkstand genannt wird, weil er sich unablässig im Kreis dreht.

In den ersten Sekunden der acht Minuten langen Fahrt reinigen Mitarbeiterinnen die Euter und schließen sie an die Melkmaschine an. Dass die Kühe sich dabei wohlfühlen, sieht man daran, dass sie während ihrer Fahrt stillstehen und nicht „tanzen“, wie Mitarbeiter sagen, sondern ruhig vor sich hin kauen.

Das Melken ist im Allgemeinen ein angenehmer Zeitvertreib für die Kühe. Am Ende löst sich der Apparat automatisch und die Kuh verlässt das Karussell. Drei Mal täglich geschieht das und bestimmt so den Lebensrhythmus der Tiere.

Die frische Milch fließt durch Metallrohre ins Zentrum des Karussells und von dort in dreißig Tonnen fassende Tanks, wo sie auf drei Grad gekühlt und gefiltert wird. Je schneller das geschieht, desto besser die Milch. Transporter bringen sie direkt von hier zu den Kunden, den weiterverarbeitenden Betrieben, zu denen EkoNiva mittlerweile selbst gehört.

Die Molkerei liegt fast nebenan. Silberfarben glänzen in ihr die modernen Maschinen, an denen Spezialisten aus roher Milch Kefir, Quark und Smetana herstellen, die cremige russische Variante des deutschen Schmands.

Die Milcherzeugnisse, die hier und nahe Nowosibirsk in saubersten Räumen abgefüllt werden, vertreibt EkoNiva auch unter der Eigenmarke „Akademie der Milchwissenschaften“. Schon nach kurzer Zeit auf dem Markt erhielt die Firma mehrere Preise für die Qualität der Produkte.

Die Russen stören sich nicht daran, dass einer ihrer größten Ernährer ein Deutscher ist. Wo seine Farmen stehen, ist er ohnehin ein Held. Insgesamt siebentausend Menschen gibt EkoNiva an seinen Standorten Arbeit, baut dort Kindergärten und renoviert Kirchen.

Anerkennung kommt auch vom Staat. Mehrere Auszeichnungen hat Dürr für seine Verdienste um die russische Landwirtschaft erhalten und Präsident Wladimir Putin persönlich verlieh ihm per Erlass die Staatsbürgerschaft.

Während Dürrs Betrieb immer mehr produziert, stagniert die Leistung der russischen Milchwirtschaft trotz der staatlichen Förderung. Ein Viertel des Gesamtverbrauchs von vierzig Millionen Tonnen Milch muss importiert werden. Viele Milchbauern geben auf, weil sich die Investitionen nicht schnell genug auszahlen.

Den Geduldigen hingegen verheißt der russische Markt eine große Zukunft.

Noch verbrauchen die Russen viel weniger Milchprodukte als etwa die Deutschen. Um auch diese Lücke zu westlichen Ländern zu schließen, bräuchte Russland weitere zehn Millionen Liter Milch im Jahr. Und noch mehr Unternehmer wie Stefan Dürr.

Fotos: Hans-Jürgen Burkard, Evgeny Kondakov

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