Petkus

Herren der Körner

Wie Russland für Saatgutanlagen aus Thüringen zur ersten Heimat wurde

Gleich einem Vorhang fällt der Mais nach unten. Mehr als drei Millionen Körner pro Minute. Für das Auge von Laien ist das eine einzige gelbe Wand, nicht aber für die Hightech-Maschine von Petkus. Sie scannt die Körner und sortieren sie nach dem Prinzip „die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“. Aber was Aschenputtel im Märchen mit der Hand erledigt, schaffen die Maschinen heute in Sekundbruchteilen. 

Der Vorhang aus Saatgut wird mit LEDs durchleuchtet und mit Kameras gescannt. Algorithmen entscheiden darüber, welche Körner die schlechten sind. Diese werden dann von mehr als 150 Luftdüsen herausgeschossen.

Durch die Anlagen von Petkus laufen auch Sojabohnen in Sibirien, Sonnenblumenkerne in Krasnodar sowie Weizen, Gerste und Grassamen in allen Agrarregionen Russlands. Sie stehen bei Saatgutproduzenten, die vitale Körner von weniger keimfähigen trennen, und bei Lieferanten von Lebensmittelherstellern und Futtermühlen, die aussortieren, was nicht im Trog oder auf dem Teller landen soll: Steine aus einem Berg von Linsen zum Beispiel oder den Mutterkornpilz aus Roggen. Früher geschah das allein durch simples Sieben. Auch heute leisten Siebmaschinen die Hauptarbeit in den Anlagen von Petkus.

Gebaut werden sie von 350 Mitarbeitern in Wutha-Farnroda in Thüringen. Hier ist Petkus seit 1852 zuhause, und fast so lange exportiert es schon nach Russland. Das begann, als die Schmiedewerkstatt, die in den ersten Jahrzehnten noch nach dem Gründer Röber benannt war, ihre Geräte bei einer Landtechnikschau im Zarenreich präsentierte. Und es endete nicht, als der Betrieb zu DDR-Zeiten verstaatlicht wurde. Die Sowjetunion war danach der wichtigsten Abnehmer. 

Ganze Züge voller Sortiermaschinen rollten damals direkt aus Wutha-Farnroda nach Osten, um die Kolchosen im großen Bruderstaat mit Maschinen zu versorgen.

Geschäftsführer und Miteigentümer Mark Scholze (rechts) spricht nicht nur aus Tradition vom „Heimatmarkt“ Russland.

Heute macht Petkus neunzig Prozent seines Umsatzes im Ausland, den größten Teil davon in Russland.

Auch auf dem thüringischen Firmengelände mit den gläsernen Neubauten wird nicht selten Russisch gesprochen, wenn Kunden den weiten Weg auf sich nehmen und Proben ihrer Körner bringen, um auszuprobieren, welche Maschinen für ihre Zwecke am besten passen.

Die Petkus-Mitarbeiter testen dann, ob das Saatgut erst nach Gewicht sortiert werden soll und dann nach Form oder umgekehrt, oder wie es gelingt, die Körner in bis zu zehn hauchdünne Schichten zu hüllen, um sie vor Schädlingen zu schützen. Petkus verkauft nicht nur die Maschinen, sondern auch die Anleitung für diese komplizierten Prozesse – Saatguttechnologie, wie es in der Fachsprache heißt.

Den russischen Kunden stehen seit 2004 Ansprechpartner in Büros in Moskau, Kursk, Krasnodar und Nowosibirsk zur Verfügung. Sie wurden eröffnet, als es mit dem Russlandgeschäft wieder aufwärtsging, nachdem es Mitte der Neunziger eingebrochen war. Damals lag die gesamte russische Landwirtschaft darnieder, bei Petkus liefen die letzten Verträge aus der Zeit der Sowjetunion aus.

Kurz zuvor war Scholze zu Petkus gekommen. Er stieß in Wutha-Farnroda auf seine eigenen Wurzeln. Sein Großvater hatte für das Unternehmen gearbeitet, bevor er zusammen mit der enteigneten Familie Röber aus der DDR nach Westen floh. Im nordrhein-westfälischen Minden baute er wieder ein Unternehmen für Saatguttechnologie mit auf.

Jahre später ergriff der Enkel die Chance zur ­Wiedervereinigung. Mit einem italienischen Partner übernahm er beide Firmen und führte sie zusammen. Allmählich erholte sich auch das Russlandgeschäft, denn Scholze hatte mit Petkus einen Namen übernommen, der in den ehemaligen Sowjetstaaten noch immer ein Begriff war.

„Petkus war für gute Qualität bekannt. Das haben unsere Vorfahren erwirtschaftet, darauf konnten wir aufbauen.“

Die Kunden seien loyal, schwärmt Scholze, und sie ließen sich gute Anlagen auch etwas kosten.

Ein Selbstläufer ist der russische Markt aber nicht. Zwar habe das Land „nach wie vor das größte Potenzial weltweit“, sagt Scholze. Davon wollen mittlerweile aber auch heimische Konkurrenten profitieren.

Für den Petkus-Chef ist das ein Grund zu investieren, zum Beispiel in ein Testzentrum für Petkus-Maschinen in Woronesch und in eine Fertigung in Krasnodar.

Wie Petkus beginnen immer mehr ausländische Unternehmen, in Russland zu produzieren. Auch in der Agrarbranche steigen die Investitionen. Russland, das vor einigen Jahren noch einer der größten Importeure von Lebensmitteln war, macht seine Erzeugnisse auch jenseits von Weizen zum Exportschlager.


Für deutsche Firmen ist das eine Chance, wenn sie „sich den russischen Wünschen anpassen und mehr im Land herstellen“, hat Scholze für sein Unternehmen erkannt. Mit dieser Strategie, glaubt er, werde Petkus in zehn Jahren noch immer Marktführer in Russland sein. Denn was einst die Gutsherren im Zarenreich und später die Kolchosen zu schätzen wussten, werden auch die Agrarunternehmer von morgen kaufen.

Fotos: Hans-Jürgen Burkard, Petkus

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