Phoenix Contact

Technik, die verbindet

Wie ein Elektrotechnik-Unternehmen aus Westfalen den russischen Markt eroberte.

Wenn es in Wladiwostok hell wird, ist das entweder die Sonne oder Technik aus Deutschland. Hunderte Laternen beleuchten abends die Straßen der Hafenstadt am Pazifik. Dass die Lichter wie von Zauberhand angehen, liegt an grauen Metallkästen und ihrem Innenleben. Sie verbinden die Lampen zu einem Netzwerk, das zentral gesteuert wird und Energie spart. Die farbigen Komponenten, Stecker und Geräte in den Schaltschränken können aber noch mehr, denn ihr Hersteller Phoenix Contact hat zwischen Metall und Kunststoff viel Ingenieurskunst gepackt. In ganz Russland sind die Komponenten des Unternehmens im Einsatz, dort wo Gas durch Pipelines fließt, Züge über Schienen und Weichen rollen und teure Anlagen vor Kurzschlüssen geschützt werden müssen. 

Das westfälische Traditionsunternehmen ist ein Paradebeispiel für den Marktführer der deutschen Wirtschaft, einen Sieger im Verborgenen, der seinen Weg nach Russland gemacht hat.

Abseits vom Rampenlicht der Öffentlichkeit sind viele deutsche Mittelständler zu Weltmarktführern in ihren Branchen aufgestiegen. Vor allem ihnen ist zu verdanken, dass Deutschland Exportweltmeister ist. In der Elektrotechnik hat es Phoenix Contact geschafft, dass jede fünfte Klemme, die irgendwo auf der Welt in einem Schaltschrank verdrahtet wird, aus seiner Fertigung stammt. 

Das Familienunternehmen sorgt seit 95 Jahren dafür, dass Maschinen in der Industrie auf die Millisekunde genau die richtige Menge an Strom und Daten bekommen. 

Mit mehr als sechzehntausend Mitarbeitern setzte es 2017 über zwei Milliarden Euro um und ist in hundert Ländern tätig. Und doch kennen es außerhalb der Elektrotechnik-Branche die wenigsten. Anders ist das in Blomberg. „Jeder hier will bei Phoenix Contact arbeiten. Das ist die größte und beste Firma hier“, sagt Taxifahrer Alfred auf dem Weg zur Firmenzentrale. Die Kleinstadt liegt in der Region Ostwestfalen-Lippe, die eine Hochburg für Elektrotechnik ist und auch „Klemmen-Valley“ genannt wird. Phoenix Contact fertigt hier einen Teil seiner sechzigtausend verschiedenen Produkte.

„Nur wenn wir unabhängig von Lieferanten sind, haben wir die Qualität selbst in der Hand."

Sie heißen, zum Beispiel, Schraubklemmen und Federklemmen, sind meist winzig und bilden zusammen das Nervensystem moderner Industrieanlagen. „Wir lassen nichts von Dritten produzieren. Nur wenn wir unabhängig von Lieferanten sind, haben wir die Qualität selbst in der Hand“, betont Andreas Rossa, der Executive Vice President und Mitglied der Geschäftsführung im Geschäftsbereich Industrial Components und Electronics (ICE) ist. 

„Wir stellen sogar unsere Schrauben selbst her“, sagt der Topmanager. Er war es auch, der das Familienunternehmen zu Beginn des Jahrtausends nach Russland gebracht hat.

Produktion in Blomberg.

Hochmoderne Maschinen erzeugen zu Tausenden Teile aus Metall und Kunststoff.

Produktion in Russland.

Als Vertriebsdirektor für Europa besuchte Andreas Rossa im Jahr 2000 erstmals Russland. Die Aufbruchsstimmung im dynamischen Moskau und Gespräche mit russischen Offiziellen wie dem damaligen Minister für Wirtschaftsentwicklung und Handel German Gref hinterließen bei ihm einen bleibenden Eindruck. Andreas Rossa berichtete begeistert an den damaligen Gesellschafter Gerd Eisert, der das internationale Geschäft der Firmengruppe aufbaute: „Russland ist ein Riesenmarkt, wir dürfen da nicht außen vor bleiben.“

„Fast alle Partner der ersten Stunde sind uns treu geblieben und leben sehr gut davon, dass sie den Weg mit uns gegangen sind."

Da Russland zu jener Zeit für Andreas Rossa und seine Kollegen ein unbeschriebenes Blatt war, wurde der Weg dorthin steinig und lang. Doch Phoenix Contact ist zu hundert Prozent in Familienbesitz und mit Eigenkapital finanziert. Auch bei riskanten Entscheidungen muss die Unternehmensleitung niemanden um Erlaubnis bitten. Gerd Eisert klopfte ihm zufrieden auf die Schulter, und Andreas Rossa machte sich daran, eine eigene Organisation für den Export nach Russland aufzubauen. 

Er nahm sich Zeit, lernte das Land kennen, besuchte Unternehmen, die bereits Technik von Phoenix Contact importierten, und gewann schnell neue Kunden hinzu. „Fast alle Partner der ersten Stunde sind uns treu geblieben und leben sehr gut davon, dass sie den Weg mit uns gegangen sind“, sagt Andreas Rossa.

Der Schritt nach Russland hat sich für das westfälische Unternehmen ausgezahlt. Die russische Phoenix Contact-Tochter wächst zusammen mit ihren lokalen Partnern. Sie gehört heute zu den fünf größten Gesellschaften des Unternehmens weltweit und entwickelt sich von allen am schnellsten. Geschafft hat das die Ingenieurin Elena Semenova, die seit 2003 Phoenix Contact in Russland leitet. Sie baute eine Struktur für Logistik, Marketing und Vertrieb im ganzen Land auf, dessen Wirtschaft sich zu dieser Zeit gerade vom Staatsbankrott Ende der Neunzigerjahre erholte. Besonders gut entwickelten sich die Öl- und Gasindustrie sowie die Energiewirtschaft. „Unsere Produktpalette passte hervorragend zu dieser Entwicklung“, sagt Elena Semenova. Sie setzte von Anfang an den Akzent auf diese Branchen und gewann Aufträge vor allem beim Bau und der Modernisierung von Pipelines. 

Andreas Rossa

Dabei war es für Elena Semenova und ihr Team entscheidend, mit russischen Systemintegratoren zusammenzuarbeiten. Das sind Unternehmen, die mit Verbindungstechnik für die Industrie Prozesse automatisieren. Dank ihnen findet man in Anlagen von Giganten wie Gazprom und Rosneft die Hightech-Lösungen von Phoenix Contact. Ebenso wichtig war es für den Erfolg der Deutschen, dass die russische Elektrotechnik in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht hat. Es entstanden Unternehmen, die ihrerseits die Marktführer der russischen Wirtschaft sind und hohe Ansprüche an ihre Zulieferer stellen. Viele von ihnen konnten Phoenix Contact als Partner gewinnen. 

Die Firma Elesy aus dem sibirischen Tomsk zum Beispiel verwendet in ihrer Steuerungstechnik schon seit 2005 Komponenten von Phoenix Contact und bietet seinerseits dem Unternehmen den Service für die Oberflächenmontage von elektronischen Bauteilen auf Leiterplatten, die bei der Herstellung von Überspannungsschutzgeräten der Serie Trabtech zum Einsatz kommen.

Ekra, ein anderes russisches Vorzeigeunternehmen, sitzt in Tscheboksary, das sechshundert Kilometer östlich von Moskau liegt und als Mekka der russischen Elektrotechnik gilt. Es ist in Russland Marktführer für Schutzrelais, die Generatoren, Umspannwerke und Transformatoren vor Schäden durch Stromschwankungen bewahren. Die Hallen der Fabrik sind voll mit mannshohen Metallkästen, die von Mitarbeiterinnen mit Kabel, Steckleisten und anderen Bauteilen bestückt werden. 

Für ein Kraftwerk brauchen Betreiber mitunter hunderte solcher Schaltschränke. Und der landesweite Bedarf ist riesig. So müssen selbst in den fortschrittlichsten Regionen wie Moskau und Kasan noch zahlreiche Umspannwerke modernisiert werden.

Zunächst baute Ekra Klemmen und Sockel aus dem Katalog von Phoenix Contact ein. „Doch die Zusammenarbeit entwickelte sich weiter“, erzählt Wladimir Furaschow, der das Unternehmen mit anderen Ingenieuren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gegründet hat und jetzt den Aufsichtsrat leitet. Beide Unternehmen entwickelten gemeinsam Bauteile, die für den russischen Markt und die Bedürfnisse von Ekra zugeschnitten waren. 

„Hätten wir einen Großkonzern darum gebeten, wäre es nicht so schnell gegangen. Zwischen mittleren Unternehmen wie unseren fällt der Dialog leichter“, sagt Wladimir Furaschow. Dank der so entstandenen Hybridklemmen, in die man Kabel sowohl verschrauben als auch drücken kann, baut Ekra die Schränke um dreißig Prozent schneller zusammen.

Auch Phoenix Contact profitiert von dieser deutsch-russischen Symbiose. Produkte, die es für russische Kunden wie Elesy und Ekra entwickelte, wurden auch in anderen Ländern zu Verkaufsschlagern. Manche davon sind künftig „Made in Russia“. 

Mit der Eröffnung einer eigenen Produktion hat Phoenix Contact auf die Entwicklung des russischen Markts reagiert. In den vergangenen Jahren verstärkte Russland die Anstrengungen, seine Wirtschaft auf eine breitere Basis zu stellen. Außer der Rohstoffbranche möchte die Regierung auch traditionell starke Bereiche wie die Luftfahrtindustrie oder den Schiffsbau wieder auf Weltniveau bringen. Um heimische Produzenten zu fördern, sollen Fabriken im Inland die Zutaten für die Modernisierung des Landes liefern und teure Importe ersetzen. 

Die westlichen Sanktionen im Zuge der Ukrainekrise haben den Kreml veranlasst, die Importsubstitution zu einem Schwerpunkt ihrer Wirtschaftspolitik zu machen. Das Unternehmen bereitete diesen Schritt gründlich vor. Zunächst eröffnete Phoenix Contact eine kleine Fertigung in Moskau. Hier sieht es schon ein wenig aus wie am deutschen Stammsitz in Blomberg, nur im Kleinen. Aus hochmodernen Maschinen fallen Tausende Teile aus Metall und Kunststoff, die von den Mitarbeitern zu Klemmen oder anderen Komponenten zusammengesetzt werden.

Während in der überschaubaren Werkstatt die ersten russischen Fachkräfte an die Präzisionsarbeit herangeführt werden, entsteht hundert Kilometer weiter südlich in einem Industriepark die künftige Fabrik für in Russland besonders stark nachgefragte Produkte.

An den künftigen Produktionsanlagen für die russische Fabrik wird in Deutschland bereits gearbeitet. Doch Maschinen sind nicht alles. Die Ostwestfalen richten am Standort Russland ein regionales Kompetenzzentrum ein, von dem aus seine Ingenieure an Lösungen für den gesamten eurasischen Markt tüfteln. 

Denn technologische Vorreiter wie Phoenix Contact, die mit wenig Material viel bewirken, leben nicht von der industriellen Kraft, sondern vom Gehirnschmalz ihrer Mitarbeiter. Nur Innovationen, die ihre Kunden voranbringen, sichern Unternehmen einen bleibenden Erfolg.

Fotos: Hans-Jürgen Burkard, Evgeny Kondakov 

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