Siemens

Schwälbchen und Wanderfalke

Wie deutscher Erfindergeist an der Modernisierung Russlands arbeitet

Als 1851 die erste Bahnverbindung zwischen Sankt Petersburg und Moskau eröffnete, bastelte ein Mann namens Siemens schon an der nächsten technologischen Revolution in Russland: Werner von Siemens half mit 75 Telegrafen dabei, sekundenschnell Nachrichten zwischen den beiden Metropolen des Zarenreichs auszutauschen. Deutscher Erfindergeist und ein ewig sich modernisierendes Riesenreich, das passte einfach zusammen.

Der Beitrag von Siemens zur Entwicklung Russlands ist heute vor allem auf der Schiene unübersehbar, wo hochmoderne Züge des Unternehmens unterwegs sind.

Doch wer weiß schon, dass mithilfe von Siemens-Elektromotoren etwa ein Drittel des russischen Erdöls durch Pipelines bewegt wird? Dass seine Ingenieure mehr als zweitausend hiesige Fabriken automatisiert haben und seine Technologie bei mehr als einer Million im Land produzierten Autos Geburtshelfer war?

Werner von Siemens wagte den Schritt nach Russland, sein Bruder Carl sollte dort seine zweite Heimat finden. Er nahm die Staatsbürgerschaft des Zarenreichs an und wurde für seine Verdienste um die russische Industrie in den erblichen Adelsstand erhoben. 

Die Männer an der Spitze von Siemens betrachteten Russland nie nur als Kunde. In der mehr als 165-jährigen Geschichte seien das Land und die Firma zu technologischen Partnern geworden, sagte Joe Kaeser bei seinem ersten Treffen mit Wladimir Putin. Das war im Hebst 2013, nur wenige Monate, nachdem Kaeser zum Vorstandsvorsitzenden von Siemens aufgestiegen war.

Joe Kaeser (Mitte) und Dietrich Möller (links) treffen beim Sankt Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum 2017 den Vorstandsvorsitzenden von Gazprom Alexej Miller (rechts).

Zusammen mit seinem Partner Power Machines entwickelt, produziert und wartet Siemens in Sankt Petersburg Gasturbinen.


Im Depot bei Sankt Petersburg wartet Siemens die Hochgeschwindigkeitszüge Sapsan, die es speziell für Russland entwickelt und adaptiert hat.

An dieser Partnerschaft arbeitet auch Alexander Belous. Der Elektroinstallateur baut in Sankt Petersburg Umrichter für Elektrozüge zusammen, schrankgroße Metallkästen, voll mit Technik. Andere vom Unternehmen Siemens Elektroprivod produzierte Umrichter geben zum Beispiel großen Bohrmaschinen Strom. Auch Elektromotoren fertigt Siemens hier selbst, allen voran für seine russischen Schnellzüge. Die Produktion beginnt mit einem goldenen Strang Kupferdraht. Eine Maschine schneidet und faltet ihn, dann verbiegt ein Roboterarm das finger­dicke Bündel, bis es wie ein Kleiderbügel aussieht. Der Rest ist Handarbeit. Als Spulen bilden die Drähte später die Herzkammern der Elektromotoren, die sogenannten Statoren.

Als er vor sieben Jahren zu Siemens kam, fiel Alexander Belous beim Namen „Siemens“ nur eines ein: Telefone. Wenige Menschen wüssten, womit sich der Technologie-Gigant so alles beschäftige, meint der junge Mann. 

Energie und Verkehr, Infrastruktur und Industrie, da würde wohl selbst Werner von Siemens staunen, was aus seiner Berliner Werkstatt inzwischen erwachsen ist. Dabei hatte es für den Unternehmensvater in der Tat mit so etwas wie Telefonen angefangen: Sein erstes wirklich erfolgreiches Produkt war der Zeigertelegraf, mit dem Nachrichten bequem über große Distanzen verschickt werden konnten.

1847 gründete Werner von Siemens mit Partner Johann Halske seine Firma. Doch schon nach wenigen Jahren kriselte das Geschäft, weil es zu einem Zerwürfnis mit dem damaligen Hauptauftraggeber, der preußischen Telegrafenverwaltung, gekommen war. Von Siemens suchte Alternativen im Ausland und wurde nach ersten Anläufen in London und Paris in St. Petersburg fündig. In der Folge erhielt seine Firma den Auftrag, das Telegrafennetz im Zarenreich aufzubauen, eine Mammut­aufgabe, die an Bruder Carl fiel. Der Mittzwanziger meisterte sie und verlegte dabei tausende Kilometer Kabel.

Zwischenzeitlich erwirtschaftete die junge Firma fast neunzig Prozent ihres Umsatzes in Russland.

Langfristige Wartungsverträge für die Telegrafenverbindungen garantierten stetige Einnahmen, die für die Entwicklung des Unternehmens insgesamt ein Segen sein sollten. Carl von Siemens wurde Leiter der russischen Niederlassung, die 1853 in Sankt Petersburg eröffnete.

„Das Land ist für uns ein großer Markt und von strategischer Bedeutung.“

Heute ist Siemens das „Weltgeschäft“, von dem sein Gründer einst träumte. Obwohl Siemens auch anderswo gute Geschäfte macht, bleibt Russland wichtig: „Das Land ist für uns ein großer Markt und von strategischer Bedeutung“, sagt Dietrich Möller, der seit mehr als einem Jahrzehnt Präsident von Siemens in Russland ist. Unter ihm setzt die russische Tochter verstärkt auf die Fertigung im Land selbst. „Die lokale Produktion ist konkurrenzfähiger und weniger abhängig von Krisen“, erklärt Möller. 

Mittlerweile hat Siemens in Russland tausende Arbeitsplätze geschaffen und erreichte in den besten Jahren einen Umsatz von mehr als zwei Milliarden Euro. Es baute in Sankt Petersburg eine Fabrik für Gasturbinen und startete in Woronesch die Produktion von Transformatoren – beides keine Massenware, sondern Hightech, mehrere Hundert Tonnen schwer und fast schon liebevoll von Fachkräften über Wochen hinweg zusammengebaut, getestet und verpackt.

Anderthalbtausend Kilometer östlich von Moskau, bei Jekaterinburg, gründete Siemens mit seinem russischen Partner Sinara Group das Joint Venture Ural Locomotives. Allein hier finden mehr als zweitausend Menschen Arbeit. In der riesigen Fabrik im Ural entstehen im Auftrag der russischen Eisenbahngesellschaft RZD Güterzug-Lokomotiven sowie Schnellzüge der Baureihe Desiro RUS. Dazu werden Drehgestelle montiert, Wagenkästen zusammengeschweißt und lackiert. Die Endmontage erfolgt in einer großen, lichten Halle. Ein Dutzend Waggons stehen sich hier in zwei Reihen gegenüber, um mit Fenstern, Kabeln und Sitzen bestückt zu werden. 

Zu achtzig Prozent stammen die Bauteile der Elektrozüge bereits aus eigener Fertigung oder von inländischen Zulieferern. Von Russlands Schienen sind sie nicht mehr wegzudenken. 

Unter dem Namen Lastotschka, auf Deutsch „Schwälbchen“, sind die roten Triebwagen zum Inbegriff des schnellen Regionalverkehrs geworden. Oft kann die Fahrtzeit durch ihren Einsatz fast halbiert werden. Die Züge beweisen ihre Zuverlässigkeit auch in der Zwölf-Millionen-Metropole Moskau. Sie bilden den Fuhrpark des neuen S-Bahn-Rings der Hauptstadt.

Unweit von Jekaterinburg stellt Siemens zusammen mit der Sinara-Gruppe Lastotschka-Schnellzüge her. 

In der Fabrik von Ural Locomotives werden Drehgestelle montiert und Wagenkästen zusammengeschweißt.

Das Unternehmen Siemens Elektroprivod fertigt in Sankt Petersburg Elektromotoren unter anderem für die schnellen Regionalzüge Lastotschka. In Handarbeit bauen Siemens-Fachkräfte Statoren zusammen, die...

Das Unternehmen Siemens Elektroprivod fertigt in Sankt Petersburg Elektromotoren unter anderem für die schnellen Regionalzüge Lastotschka.

Der Superstar unter den russischen Zügen ist jedoch ein anderes Geschöpf von Siemens: der Hochgeschwindigkeitszug der Baureihe Velaro RUS. Wieder bringen die Deutschen die beiden größten russischen Städte einander näher. 

Von nun an trennen Moskau und Sankt Petersburg nur noch dreieinhalb Stunden, bei immerhin 650 Kilometern Entfernung. Der russische Bruder des ICE erhielt den Namen Sapsan. Der „Wanderfalke“ ist aber noch nicht „Made in Russia“. Siemens lieferte zunächst sechzehn Züge aus seinem Werk in Krefeld. Die beiden „Vögel“ von Siemens sind dabei, auf Dauer in Russland heimisch zu werden. Wie bei den Telegrafenleitungen am Anfang der Firmengeschichte übernahm der deutsche Konzern die langfristige Wartung seiner Technik. Die Service-Verträge sind auf Jahrzehnte ausgelegt.

Siemens investierte dafür in vier Eisenbahndepots. Im Depot Metallostroj bei Sankt Petersburg prüft das Wartungspersonal die Züge vor ihrem Einsatz auf Herz und Nieren. So führen Spezialisten von Siemens eine Ultraschalluntersuchung der Radscheiben durch. Wenn sie ihr Okay geben, rollen die Räder wieder viele tausend Kilometer durch Russland. Sie seien die wichtigsten Bauteile des Sapsan, sagt Jegor Jewdokimow, der die Instandhaltung leitet. Siemens hat im Petersburger Depot auch eine Werkstatt für den Zusammenbau der Hightech-Radsätze und Drehgestelle eingerichtet, die einzige in Russland.  Wenn Jewdokimow mal nicht Inspekteur, sondern Passagier ist, genießt er den Sapsan auf seine Art. 

Er achte während der Fahrt auf jedes Detail: auf die Beleuchtung, das Klima im Waggon und darauf, wie gleichmäßig der Zug rollt. Die Anzeigetafel mit der aktuellen Geschwindigkeit interessiert ihn jedoch nicht. „Ich spüre auch so, wie schnell wir fahren“, sagt Jewdokimow.

Joe Kaeser achtet auf ganz andere Details, wenn er wieder im Flugzeug nach Russland sitzt.

Er bereitet seine Treffen mit wichtigen Partnern und führenden Vertretern der russischen Wirtschaft vor, die jedes Jahr zum Sankt Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum kommen. Der Event hat sich zu einem Höhepunkt des Wirtschaftslebens in Russland entwickelt und wird in Anlehnung an das Weltwirtschaftsforum in der Schweiz das „russische Davos“ genannt. In der Stadt an der Newa wird der Siemens-Chef die nächsten Kapitel der Geschichte seines Unternehmens in Russland auf den Weg bringen. 

„Es gibt für uns hier viele Chancen.“

Die wird heute nicht nur in den traditionellen Geschäftsfeldern von Siemens wie der Elektrifizierung und der Automatisierung geschrieben. Insbesondere die Digitalisierung ist heute ein globaler Trend und eines der vorrangigen Ziele in der Entwicklung der russischen Wirtschaft. Auf allen diesen Gebieten mitzuwirken, das ist auch ganz im Sinne der Siemensianer, die in russischen Werken an Zügen, Gasturbinen, Elektromotoren und Transformatoren tüfteln und schrauben. Sie sind sich sicher: „Es gibt für uns hier viele Chancen.“, 

Fotos: Hans-Jürgen Burkard, Evgeny Kondakov 

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