Ziel Dekarbonisierung: Grüner Wasserstoff als Hoffnungsträger für Russland?

Die EU hat mit der jüngsten Einführung des Kohlenstoff-Grenzausgleichsmechanismus (Carbon Border Adjustment Mechanism) ihre Klimaschutz-Maßnahmen massiv verschärft. Was bedeutet das konkret für Russland? Kann Russland da mithalten? Spitzenmanager und Politiker haben bei der großen Klimakonferenz der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) über diese Themen diskutiert.

Ziel Dekarbonisierung: Grüner Wasserstoff als Hoffnungsträger für Russland?

„Klimaschutz und Wirtschaft sind keine Gegensätze“, unterstrich der deutsche Botschafter Dr. Géza Andreas von Geyr zum Auftakt der Diskussion. Die EU wolle den Weg des Klimaschutzes zusammen mit Innovationsanreizen gehen. Der Diplomat lobte die Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin beim internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg: Russland habe den Klimaschutz „zu einer wesentlichen Priorität gemacht.“

Klimaschutz – Chance oder Risiko?
Für Clara-Eugenia de la Torre Calvo, stellvertretende Klimaschutz-Generaldirektorin der EU-Kommission, steht fest: Der Klimawandel ist eine Chance, ein besseres Russland zu entwickeln. Die EU sei an einer Partnerschaft mit Russland interessiert. Mit Ruslan Edelgerijew, Klimabeauftragter des russischen Präsidenten Wladimir Putin, habe sie vereinbart, gemeinsam an der Herausbildung eines CO2-Marktes sowie an der Förderung des Emissionshandels zu arbeiten. Edelgerijew betonte, dass nur „gemeinsames Handeln zur Reduzierung der globalen Emissionen beitragen“ könne.

Laut Alexej Utschjonow, Russlands stellvertretendem Minister für Industrie und Handel, ist sich die russische Industrie im Klaren, welche Verluste durch die Dekarbonisierung auf sie zukommen. Das Ministerium sei deshalb bereit, russischen Firmen finanziell unter die Arme zu greifen. Dieser Prozess werde aber extrem teuer werden. Da könne die „grüne Finanzierung“ seitens Europa Abhilfe schaffen: „Wir rechnen mit Ihrer Unterstützung bei günstigen Anleihen.“ Diese Hilfe müsse jedoch auf einem gleichberechtigten Dialog beruhen: Die russischen Kreditnehmer wollten Anleihen zu gleichen Bedingungen erhalten wie die deutschen Unternehmen. 

CO2-Märkte in Russland
Russland hat laut Putins Klimabeauftragtem bereits ein Gesetz verabschiedet, welches die Entstehung von freiwilligen Kohlenstoffmärkten vorsieht. In der Fernost-Region Sachalin sei zudem ein Emissionshandel-Pilotprojekt geplant.

Edelgerijew fragte aber zugleich, ob Europa russische Klimaprojekte anerkennen werde. Er habe deshalb vorgeschlagen, diese von jeglichen Einschränkungen zu befreien: „Alles, was mit dem Klima zu tun hat – Klimaprojekte, Finanzierung, Klimasicherheit – all das muss außerhalb von Sanktionen stehen.“

Klaus Ernst, Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Energie im Bundestag, betonte: „Deutschland muss zur Bewältigung der Klimaziele das Interesse haben, dass auch Russland seine Ziele erreicht.“ Denn es ergebe keinen Sinn, wenn Deutschland seine zwei Prozent Emissionen auf null drücke, während andere Staaten da nicht mitmachen würden. Die Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland sei auch deshalb so wichtig, weil diese die Entstehung von CO2-Märkten im flächengrößten Land der Welt fördern könne.

Schwerpunkt Wasserstoff

Das Thema Wasserstoff stand bei der Konferenz klar im Vordergrund: Mehrmals wurde das große Potenzial Russlands in diesem Bereich unterstrichen.

Im nordrussischen Murmansk soll laut Alexej Kaplun, Generaldirektor von „H2 Tschistaja Energetika“, ein Exporthub für grünen Wasserstoff entstehen. Zudem verwies er auf das geplante Penschina-Gezeitenkraftwerk (PES) im Ochotskischem Meer. Bei beiden Projekten habe Russland „sehr großes Interesse an einer Kooperation mit der deutschen Wirtschaft“.

Andreas Kuhlmann, Chef der Deutschen Energie-Agentur (dena), sprach ebenfalls von der wichtigen Rolle des Wasserstoffs: „Ich glaube, alle haben mitbekommen, dass gerade aus Deutschland heraus ein ganz großer Fokus auf den Aufbau eines neuen globalen Marktes beim Thema Wasserstoff entstanden ist.“ Auch die AHK mit ihrer Initiativgruppe Wasserstoff unterstützt das Murmansker Wasserstoffprojekt aufgrund des hohen Exportpotenzials. Kuhlmann lobte das Projekt und zeigte sich zuversichtlich, dass russische Projekte Fördermöglichkeiten der Bundesregierung in Anspruch nehmen können. Die dena sei bereit, dabei zu helfen. 

Klaus-Dieter Maubach, CEO von Uniper, dementierte wiederum Meldungen und Gerüchte, wonach sich seine Firma aus Russland zurückziehen wolle. Uniper werde sich im Gegenteil nach neuen Möglichkeiten in dem Land umschauen. Maubach sprach von drei großen Aufgaben: dem Ausstieg aus der Kohleindustrie, Umstieg von Erdgas auf Wasserstoff und Einstieg in erneuerbare Energien. „Eines kann ich sicher sagen, für unser Unternehmen ganz klar: Wir wollen auf jeden Fall ein großer Importeuer von Wasserstoff werden.“

Klimaneutrales Russland bis 2050?
Russlands größter Aluminiumhersteller Rusal ist laut seinem Vize-Präsidenten für internationale Projekte, Anton Basulew, das einzige Unternehmen in seiner Branche, das sich zu Klimaneutralität bis 2055 bekannt hat. Russisches Aluminium sei zudem kohlenstoffarm, da es mit Wasserkraft produziert werde. Basulew forderte Europa auf, den Handel mit kohlenstoffarmen Waren wie Aluminium zu erleichtern. Dies könne man erreichen, indem man bei Rohstoffwaren eine Kategorie für kohlenstoffarme Produkte mit einer eigenen Zolltarifnummer einführe. Zudem müssten solche Waren von der Steuer befreit werden, so der Rusal-Vertreter weiter.

Gennadij Alexejew, Generaldirektor des Holdings SDS-Ugol aus der russischen Steinkohleregion Kusbass, kündigte die Schaffung von sogenannten Carbon-Farmen an, welche die Zurückführung des vom Menschen in die Atmosphäre gebrachten Kohlenstoffs in den Boden vorsehen. Alexejew forderte die AHK auf, schon bei der Erstellung der Machbarkeitsstudie zu helfen, damit diese Farmen den EU-Standards entsprechen.

Auf die Frage, ob Russland bis 2050 klimaneutral werden könnte, antworteten fast alle befragten deutschen Spitzenmanager mit einem „Ja“. „Wenn die Russen das wollen“, so Maubauch.

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